Saturday, October 20, 2007

Dear Titta!



A reader named Titta left a long comment in my German blog and on my guest book about American attitudes toward socialism, socialized medicine and, more interestingly, about the protestant-American belief that "Life is and must always be a struggle." Comments like that always bring out the worst in me: wordiness.

So here is Titta's original comment plus my response - in German.

Lieber Eric,

Die Regierung sorgt doch nicht dafür, daß ich überlebe, sondern die Gemeinschaft der steuerzahlenden Versicherten. Was mir auffällt: den Staat setzt du (als Amerikaner) vor allem gleich mit einer Institution, die dich in deinen Freiheiten beschränkt und behindert. Für mich (als Deutsche) ist der Staat daneben vor allem eine Solidargemeinschaft. 80 Mill. Deutsche zahlen (und wer sich davor drückt, ist unsozial) in einen Pott, der mich im Zweifelsfalle eben auch absichert. Das beruhigt doch ungemein und mildert die sozialdarwinistischen Tendenzen in einer Gesellschaft.

Du schreibst, daß die us-amerikanische Wirtschaft erfolgreicher ist, weil der Amerikaner gelernt hat, daß er sich anstrengen muß um zu überleben.

Warum ist "dem Amerikaner" dieser Selbstbeweis, diese Anstrengung so wichtig? Fast klingt es, als ob Amerikaner es verwerflich fänden, nicht mehr kämpfen zu müssen. (Ein Zustand, den man übrigens Frieden nennt.) Warum ist Faulheit, zu deutsch: Müßiggang, etwas Schlechtes? Woher kommt diese Arbeitswut? Diese Glorifizierung der Anstrengung?

Ich meine das jetzt ganz naiv und nicht rhetorisch. Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

P.S. Es gibt übrigens auch Stimmen, die sagen, Roosevelt (selber Milliardär) hätte damals den Erhalt des kapitalistischen Systems für die USA gesichert, da viele Amerikaner aufgrund der Wirtschaftslage schon mit anderen, sozialistischen Gesellschaftsmodellen sympathisiert hätten.

Liebe Titta:

Vielen Dank noch mal für deinen Kommentar.

Ein Missverständnis vorweg: Ich habe nicht geschrieben, dass "die amerikanische Wirtschaft erfolgreicher ist, weil der Amerikaner gelernt hat, daß er sich anstrengen muß um zu überleben", sondern, dass die meisten Amerikaner und auch sehr viele Wirtschaftwissenschaftler das glauben. Es könnte auch richtig sein, aber ich weiß es nicht. Die meisten Deutschen glauben ja sowas nicht, und trotzdem ist die deutsche Wirtschaft eine der mächtigsten auf der Welt. In solchen Fragen bin ich als Ami-in-Deutschland immer ein wenig hin und hergerissen.

Du schreibst einige Zeilen, die sehr schön sind, aber möglicherweise etwas naiv. Deine Beschreibung des deutschen Sozialstates als "eine Solidargemeinschaft" ist eine sehr gute und ästhetisch/romanisch angenehme Beschreibung und kommt auch zum Teil an die Realität ran; es gibt aber auch Stimmen, die den deutschen Sozialstaat vor allem als eine politisches Konstrukt begreifen, um die Menschen "da unten" ruhig zuhalten. Bismarck, Hitler und Adenauer haben alle ihre Sozialsysteme mindestens zum Teil so begriffen: Wenn die Deutschen rundum versorgt sind, bleiben sie auch zufrieden. In beiden Beschreibungen des Sozialstaats steckt ein Körnchen Wahrheit drin.

Doch Deine schönste Frage ist: "Warum muss das Leben ein Kampf sein?"

Dieser Satz bringt die ganze Tragödie des Lebens auf den Punkt. Nein, es gibt kein wirklich logischer Grund dafür, dass das Leben ein Kampf sein muss. Kein Philosoph, kein Prediger kann es wirklich erklären, obwohl es immer wieder versucht wird. Marx' naiver Versuch, eine utopische Welt ohne Ungerechtigkeit herzuzaubern, war gleichzeitig der Versuch, ein Leben für alle "ohne Kampf" zu schaffen. (Millionen fanden diese Idee so betörend, dass sie die Wirtschaftlichkeit der Idee nicht überprüften und gern Millionen anderer Menschen dafür in die Knechtschaft führten. Die Idee einer Welt ohne Kampf ist eine Idee, für die man gern stirbt und auch gern tötet.) Selbst im Ur-Mythos des Judentum/Christentum steckt diese Frage: Im Garten Eden war das Leben eben kein Kampf; dann kam der Sündenfall, und das Leben wurde erst zu Kampf. Die Sünde als Antwort auf diese Frage. (Es ist eine Ironie der heutigen Gesellschaft, dass wir einerseits hypermoralisch denken und gleichzeitig die alte Vorstellung von "Sünde" und "Sündenfall" ablehnen.) Und trotzdem stehst Du da heute, mitten in dem privilegiertesten und kampflosesten Ära, die es je auf Erden gab, und stellst immer noch die gleiche Frage.

Ich habe natürlich keine Ahnung, warum das Leben immer ein Kampf sein muss, aber ich habe noch nie im Leben etwas ohne ein Kampf erreicht, ob es der Kampf um die Achtung einer Frau war (schönste Frau auf der Halloween Party Oktober 1995, 2 Uhr morgens), der Kampf gegen meine Faulheit (erste und bis jetzt einziger Marathon, Berlin 2005) oder ob es um die Verwirklichung eines Traums ging (Die Nibelungenreise, 2002). Vielleicht gibt es Menschen, die das Leben ohne Kampf meistern – die Brad Pitts und Claudia Schiffers dieser Welt, die Hilton- und Kennedy-Erben und die Kronprinzen Englands, oder auch die paar Menschen, die mit so wenig zufrieden sind, dass sie ihr Lebensglück schon im Sozialamt finden – aber für 99% der Menschheit trifft das nicht zu. Und immer, wenn an ein bisschen mehr hat, als das, was einem geschenkt wird, stellt sich irgendwann heraus – ich weiß auch nicht, warum – dass man mit sich selbst, mit widrigen Umständen oder mit einem Konkurrenten dafür kämpfen muss.

Würde sich das mit einer flächendeckenden Sozialfürsorge ändern? In einem utopischen System, wo jedem Menschen automatisch jeden Lebenswunsch erfüllt wird? Rein vom materiellen Potential ist es ja möglich – wenn die Reichen genug von ihrem Reichtum abgeben wurden (Hmm… dass muss ich korrigieren – auch wir Nicht-Reichen-Aber-Gut-Versorgten müssten einiges abgeben – das könnte ein Problem werden), wenn der Überfluss besser verteilt wäre. Als Junge hätte ich es gern gehabt, wenn ich nach Abschluss der Schule zum "Amt für einen Erfüllten Leben" hätte gehen und dort ein Formular ausfüllen können, auf dem ich mein Wunsch bekannt gebe, Autor zu sein. Theoretisch wäre es möglich, dass der Staat ein wenig Geld abzweigt, um mir meine Bücher zu drucken und zu verteilen. Da hätte ich nicht 25 Jahrelang darauf hinarbeiten müssen, Ideen und einen Schreibstil zu finden, die einem Verlag mehr ansprechen als die Ideen und der Stil irgendeines anderen Autors – meiner unsichtbaren, immer präsenten Konkurrenten.

Die Idee ist schön, aber in der Realität hat es nie eine funktionierende Utopie gegeben. Und das ist das Problem mit der Idee eines Lebens ohne Kampfes. Immer wieder zeigt die Erfahrung, dass das illusorisch ist. In meinem Lebenswünsch-Erfüllungs-Utopie würde irgendwann das Geld nicht ausreichen, jedem Autor sein Wunsch zu erfüllen. Da muss man eine Auswahl treffen. Die Menschen, die die Auswahl treffen, haben aber eigene Interessen und Geschmäcker. Sie müssen sich zum Beispiel mit ihrem Arbeitgeber gut stellen – mit dem Staat. Die Führer des Staates haben auch eigene Interessen. Das ist im Wesentlichen wie eine Diktatur fällt: Wenn alles von oben – von einer Partei – gesteuert wird, ist Wichtigste immer, sich mit der Partei gutzustellen, und Leistung ist nicht so wichtig. Ein Verlag verlegt Bücher, die von Menschen ausgesucht werden, die ihren Chefs aber nicht unbedingt dem Bücherkäufer, gefallen wollen. (So funktioniert der heutige deutsche Kulturbetrieb – wie viele der etwa 100 jährlich produzierten deutschen Filmen sehen Sie jedes Jahr? Wie viele von ihnen nehmen Sie überhaupt jedes Jahr wahr?) Irgendwann wird weniger Geld umgesetzt; da merkt die Partei, das Geld muss irgendwo anders her, sonst stirbt die Utopie, und woher soll es schon kommen? Die Bürger werden geschröpft. Da wird der Traum vom Leben ohne Kampf zum Kampf um das Überleben.

Das kapitalistische System ist alles anders als utopisch: Es ist dreckig und gemein und hält nicht viel von dem Guten im Menschen. Deswegen gehen keine idealistischen junge Menschen auf die Straße, um für Kapitalismus zu demonstrieren – Kapitalismus befriedigt unsere christlich/romantische Idealen nicht, und diese sind uns wichtiger als harte Realität.

Doch Kapitalismus, mitsamt seiner Ungerechtigkeiten, funktioniert – und zwar schon seit dem Mittelalter, als die Hansa und die Fugger und wie sie all hießen den Adel in die Knie zwangen und das vordemokratischen Bürgertum ins Leben riefen (man sagt heute, die Engländer haben Kapitalismus erfunden, aber da würde die deutsche Hansa nicht mit übereinstimmen).

Die ewig wiederkehrende Frage ist: Wie kann man das kapitalistische System so regeln, damit es einerseits die Menschen nicht ausbeutet, während man das System andererseits nicht so übermäßig regelt, dass es nicht mehr funktionieren kann. (Und machen Sie sich keine Illusionen – Deutschland, dieses wunderbare, christusähnliche soziale Gemeinschaft, ist nur deswegen so erfolgreich, weil es voll überzeugte Kapitalisten – alles, was man heute in Deutschland hat, einschließlich den Luxus eines Sozialstaates, wäre nicht da, wenn es nicht die Herren Siemens, Henkel, Daimler und wie sie alle hießen gegeben hätte.)

Das ist die einzige Frage, wirklich: Eine Frage des Grades. Wie viele Beschränkungen und Abgaben kann man von den Arbeitgebern verlangen, bis die Wirtschaft drunter leidet? Wie viel Sicherheit kann man dem Bürger bieten, ohne dass es ihm so gut geht, dass er gar nicht mehr arbeitet? Wie viel Kampf ist notwendig, wie viel darf man dem einzelnen abnehmen? Das ist die Frage, mit der man in Deutschland und auch in Amerika ringt. (Die Deutschen glauben, in Amerika herrscht der ungebändigte "Dschungelkapitalismus" – stimmt nicht. Unsere Anti-Kartellgesetze zum Beispiel waren ungleich härter als die in Deutschland, wo die EU immer noch kartellähnliche Strukturen abzubauen versucht.)

Deutschland und Amerika Ringen beide immer wieder um den richtigen Maß, aber jedes Land sieht die Antwort aus einer anderen Perspektive. In Deutschland, wo man eine tausendjährige Tradition vom fürsorgenden Obrigkeit hinter sich hat, neigt man dazu, den Arbeitgeber eher zu beschränken als in Amerika. Dadurch entsteht ein exzellentes Gesundheitssystem und sowas Geniales wie Mitbestimmung am Arbeitsplatz. Allerdings ist es auch teuer, und das Sozialsystem hat auch Mitschuld an der hohen Arbeitslosigkeit und langsamer wirtschaftlicher Dynamik des Landes.

In Amerika ist es genau anders rum. Wir verachten die Abhängigkeit des Einzelnen vom Staat und sehen den Erfolg, der nach einem individuellen Kampf kommt, als Erfüllung an. Aus diesem Grund stehen wir einem Sozialstaat grundsätzlich skeptisch gegenüber (auch, wenn auch wir einen haben). Die Nachteile sind bekannt: Ein schlechtes Gesundheitssystem, viel Armut, etc.

Es ist eine Gratwanderung. Wir sprechen immer vom Kampf Sozialimus vs. Kapitalismus, aber das ist nur Polemik. Amerika wird nie zu einem "wirklich freien Markt" und Deutschland wird nie zu einem "wirkliche sozialistischen Land." Die einziger echte Frage ist: Mehr Versorgung und weniger Marktfreiheit oder weniger Versorgung und mehr Marktfreiheit?

Trotzdem sehen die meisten Amerikaner im Kampf eine Art Heil des Einzelnen, und jeder von uns hat eine tierische Angst davor, "satt" zu werden und nicht mehr konkurrieren – nicht mehr kämpfen zu können ("Bleib hungrig!" ruft man sich zu – es ist ein Erfolgsformel). Das beleidigt Ihr deutsches "Wir sind eine Gemeinschaft"-Gemüt, aber wir sind so, und wir sind bis jetzt besser damit gefahren als die Europäer.

Ein häufiges Gesprächsthema am Esstisch in meiner Familie war: Wie fällt ein Reich? Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden wir zu einem Weltreich (Die Europäer mit ihren romantischen Ideen von Kultur und Krieg haben es uns im Grunde geschenkt), und sofort fing man an, sich darüber Sorgen zu machen, dass das Reich wieder fällt, wie alle Weltreiche irgendwann fallen müssen. Bestsellertitel waren: "Der Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" und "Der Aufstieg und Fall Roms." Und Kindern werde immer wieder eingeprägt: "Rom fiel, weil sie fett, satt und schwach wurde. Man schwelgte in Luxus, man musste nicht mehr kämpfen, man bildete sich ein, nicht kämpfen zu müssen. Da erschienen die Barbaren vor den Toren und die Roemer konnten sich nicht wehren." (Wenn Sie diese Esstischgespräche nie miterlebt haben, können Sie nicht verstehen, welche apokalyptischen Visionen uns Amerikaner nach dem 11. September heimgesucht haben – da braucht man sich nicht wundern, das man überreagiert hat).

Wie viel von dem Romvergleich stimmt? Wie viel davon ist nur Paranoia? Das weiß kein Mensch. Das braucht auch Dich als Deutsche nicht zu kümmern. Für Dich ist die einzige wichtige Frage: Wie viel Utopie kann sich Deutschland leisten? Ab wann schwanken die sozialen Privilegien vom Vorteil zum Nachteil? Keiner verlangt von Deutschland, dass es so weit in die eine Richtung geht wie Amerika. Aber es wäre nicht schlecht, wenn auch die Deutschen ab und zu ihre naiv-romantischen utopischen Vorstellungen von pseudo-christlicher Totalversorgung hinterfragen. In dieser Beziehung sind die Deutschen ebenso naiv wie mancher Amerikaner, der glaubt, nur im totalen, freien Kapitalismus ist eine Gesellschaft funktionsfähig.

Und jetzt bist Du wieder dran – bis dann Aloha, Eric

1 comment:

Anonymous said...

Antwort von Titta:

Lieber Eric,

hier der Versuch einer Antwort in aller Kürze.

Das Paradies besteht, wenn man genau nachliest, aus leichter Gartenarbeit, also einer durchaus angenehmen Tätigkeit, zumindest nach meinem Empfinden. Das Böse ist allerdings systemimmanent (Schlange), der Mensch so anfällig wie wißbegierig (der Apfel wird vom Baum der Erkenntnis gepflückt, nicht vom Baum des Lebens – die verpaßte Chance, als Mensch doof aber glücklich und endlos vor sich hin zu leben), die Schöpfung als solche wird jedoch durchaus als gut bewertet. Und das alles Jahrtausende vor der protestantisch-calvinistischen Arbeitsethik.

Du hast noch nie im Leben ohne Kampf etwas erreicht? Wirklich? Okay, Kampf gehört auch zum Leben. (Der größte ist wahrscheinlich der gegen sich selbst.) Als erprobte Kampfsau bin ich selbst überzeugte Anhängerin dieser Einstellung gewesen mit dem Bewußtsein, alles erreichen zu können, wenn ich mich nur genügend anstrenge. Diese Vorstellung von mir war allerdings wirklich höchst naiv. Ein großer Lebenswunsch blieb nämlich unerfüllt – darum kämpfen zu wollen, schwanger zu werden – auf bessere Weise kann dir das Leben nicht zeigen, daß Kampf nicht das probate Mittel ist, das Leben mit all seinen Anforderungen zu meistern.

Was ist übrigens passiert, nachdem du die schönste Frau auf der Halloween-Party erobert hast? (Herzlichen Glückwunsch zum 12-Jährigen!) Wieso ist die Frau bei dir geblieben? Weil du so ein toller Hecht bist, der so gut kämpfen kann? Für unsere Stärken werden wir bewundert, aber geliebt werden wir wegen unserer Schwächen und Fehler. Die tiefsten und innigsten Momente mit einem anderen Menschen sind doch die, wenn der andere dich in deiner ganzen Erbärmlichkeit und Schwachheit sieht und akzeptiert und dich nicht trotzdem, sondern gerade deswegen liebt. Weil er selbst nämlich auch nicht anders ist. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Achtung, Respekt – all das, worauf es wirklich ankommt im Leben, das erwirbt man nicht durch Kampf, das wird einem geschenkt. Von anderen. Worauf meine Existenz in ihrem Kern beruht, liegt nicht im Rahmen meiner Fähigkeiten und Leistungen. (Beweist der dauernde Kampf im Grunde nicht vor allem, daß der Kämpfende sich seiner Stärke nicht wirklich sicher ist?)

Schreibst du noch die Bücher, die du wirklich schreiben willst?
Ich leiste mir gerade den ungeheuren Luxus, das zu schreiben, was ich will, jedoch in der Gewißheit, für einen Erstling mit 700 Seiten keinen Verleger zu finden. (Warum, muß ich dir nicht erklären.) Nun kann ich mir überlegen, noch einen kürzeren marktgerechten hinterherzuschieben, um zumindest dafür einen Verlag zu finden, damit dann irgendwann vielleicht mal das, was mir wirklich am Herzen liegt… Du kennst das ja! Was bleibt nach dem Kampf noch übrig – von dem Traum und von einem selbst?
Ehemalige DDR-Autoren meinten mal: In der DDR da wurden sie und ihre Werke wenigstens noch ernst genommen. Da hat man noch darauf geachtet, was sie schrieben und für so wichtig gehalten, daß ihre Bücher sogar verboten wurden.

Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, daß widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.
John Maynard Keynes
Zu den perversen Auswüchsen des kapitalistischen Wirtschaftssystems keine weiteren Ausführungen mehr. Nur noch kurz: die Herren Siemens, Henkel, Daimler und wie sie alle heißen, haben ihre Unternehmensimperien durch ihre Ideen wie durch die Arbeit ihrer Beschäftigten aufgebaut. Wie viele Motoren hätte etwa Daimler alleine zusammenschrauben können? Wem gehören eigentlich letztendlich die Patente menschlicher Erfindungsgabe wirklich? Dem Erfinder? Der Menschheit? Oder dem Spiritus rector?

Wenn es einem Menschen gut geht, arbeitet er nicht mehr. Ist das nicht eine pervertierte Schlußfolgerung? (Hat vermutlich etwas mit der kapitalistischen Gleichung: Arbeit ═ Ware zu tun.) Am leistungsstärksten und produktivsten ist doch bekanntlich der, dem es gut geht.
Immer wenn ich Menschen, die wegen der Ausbeutung des Sozialsystems durch Nichtarbeitende besorgt waren, gefragt habe, ob sie selbst jemals arbeitslos gewesen seien, haben sie mit Nein geantwortet. Ich selbst war mal drei Jahre ohne Arbeit. Das brauche ich als Erfahrung nie wieder. Anscheinend geht’s mir nur mit Arbeit gut. (Ist das nur typisch deutsch?)

Ich habe jahrzehntelang in einem geteilten Land gelebt, in dem beiderseits Tausende von atomaren Sprengköpfen nur auf ihren Einsatz warteten. Ich habe Übungen für den atomaren Ernstfall über mich ergehen lassen und durfte erfahren, daß us-amerikanische Reisebüros schon mit dem Slogan werben: Besuchen Sie Europa, solange es noch steht. Ich passierte regelmäßig eine Grenze mit Mauer samt Hunden und Selbstschußanlagen, weil mein Land ausgerechnet da lag, wo die Interessensphären von zwei Großmächten aufeinandertrafen. Und wenn der Kalte Krieg heiß geworden wäre (was dank sowjetrussischer Einsicht und Vernunft nicht der Fall war), wäre ich gestorben für die geopolitischen Interessen anderer. Soviel nur zu den friedlichen Verhältnissen, in denen ich seit 60 Jahren leben darf.
Und bitte nicht mogeln! Die USA hat bereits vor 1945 so viele Kriege und militärische Interventionen (schöner Euphemismus) angeführt, sie hat schon ganz alleine dafür gesorgt, ein Weltreich zu werden. Dabei hat sie es immer glänzend verstanden, militärische Auseinandersetzungen vom eigenen Territorium fernzuhalten, bis zum 11.9.! Wenn die entsprechenden Historiker recht haben, ist der Zenit dieser Macht bereits mit dem Jahr 1945 überschritten worden und die nachfolgenden Kriege sind nur mehr Bemühungen um einen immer weiter schwindenden Machterhalt. So wurde Saddam Hussein nicht etwa nach seinem Einmarsch in Kuwait entmachtet, sondern erst rund 10 Jahre später, nämlich genau drei Monate, nachdem er die Bezahlung der Ölexporte seines Landes von Dollar auf Euro umgestellt hatte. Damit nicht andere Länder der Region auf ähnliche Gedanken kommen und damit den wirtschaftlichen Riesen USA endgültig zu Fall bringen, wird nun der Iran ins Visier genommen (übrigens auch von Hillary Clinton). Der Fall eines Weltreiches bringt, was immer deutlicher wird, stets große Verwerfungen mit sich. (Weshalb der relativ friedliche Zusammenbruch der UdSSR ja als geschichtliche Besonderheit gilt.)

Eric, glaub mir, unbekümmert bin ich als Deutsche ganz und gar nicht. Aber das dürfte dir auch nichts Neues sein.

Spannend wird es werden, wenn die USA endgültig ihre wirtschaftliche und politische Vormachtstellung verloren hat. Was wird dann mit diesem Land passieren, wenn die Menschen dort nicht mehr partizipieren können am allgemeinen Aufschwung, ganz einfach, weil es den so nicht mehr gibt? Was wird dann der Kitt dieser Gesellschaft sein, wenn Nationalstolz und wirtschaftliche Führungsstärke wegfallen? Learn to loose. Womit wir wieder beim Kampf angelangt wären. Sieger gibt es immer nur ganz wenige. Die große Mehrheit gehört faktisch zum anderen Teil, zu den Verlierern. Erst in der Schwäche offenbart sich das eigentliche Gesicht eines Menschen. Vielleicht auch das einer ganzen Gesellschaft. Vom Verlieren verstehen wir Deutschen möglicherweise ja einiges. Aber da bin ich mir nicht so sicher.

Lieber Eric, ich vermute da, trotz deiner ganzen Kampfesrhetorik und trotz, oder vielleicht gerade wegen, deines us-amerikanischen Bemühens um Realitätssinn, eine große Sehnsucht in deinem Herzen. Und diese ungestillte Sehnsucht macht gerade die deutsche Seelenbefindlichkeit so interessant für dich.
Ich habe beruflich viel mit Kranken und Sterbenden zu tun und aus meiner Erfahrung heraus kann ich dir sagen: am Ende bleibt nicht das, was Menschen erreicht haben. Am Ende bleibt das, was du geträumt und gehofft hast und gerade das, was du nicht geschafft hast. Denn das ist das, was dich ausmacht. Auch wenn’s vielleicht naiv klingt.
Was den Menschen ausmacht, sind seine Verluste, seine Verletzungen, seine Fehlschläge. Und darin liegt nichts Erschreckendes, sondern etwas sehr Echtes, sehr Erhabenes, auch wenn es nicht danach klingt. Ein Sieg ist ein Sieg und danach hetzt du weiter zum nächsten Ziel. Die Bewältigung des eigenen Scheiterns, die Akzeptanz des Unerreichten im eigenen Leben fordert den Menschen in einer ganz anderen Weise und macht ihn erst zu dem, was er ist, einem ganzen Menschen. Aber vielleicht ist dies wirklich eine sehr deutsche Betrachtungsweise, eine sehr deutsche Art, das Leben zu begreifen, eine, mit der Amerikaner erst umzugehen lernen müssen. Ich weiß es nicht. Vielleicht weißt du es ja.

Aus diesem Ganzen heraus möchte ich dir jetzt nur noch sagen: Lets make love, not struggle, denn Eric, Kampf macht ganz schön müde auf Dauer, nicht wahr? Und unsere Kraft brauchen wir doch fürs Feiern, nichts fürs Kämpfen, da, wo sie sinnvollerer Weise auch hingehört!

Und jetzt bist du wieder dran…