Dear Eric: Die neueste E-Mail von Titta

Die neueste E-Mail von Titta:

Dear Eric,

zuerst einmal vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Da steckt ja auch eine Menge Arbeit drin – und einiges andere mehr.

Anfänglich war ich etwas erschrocken darüber, was mir da alles unterstellt wird an Gedanken und Vorbehalten. Und dann war ich etwas enttäuscht, weil du dich in deiner Antwort vor allem so auf das Thema Scheitern beschränkt hast. Anscheinend ist dir das Thema aber wichtig, und so will ich dann auch darauf antworten.

Vielleicht sind ja unsere Standpunkte, bei genauerer Betrachtung, doch gar nicht so verschieden voneinander.

Von einer Liebe zum Scheitern habe ich übrigens keineswegs gesprochen. Das sind deine Worte. Aber offensichtlich ist in meinen Ausführungen über die Erhabenheit des Scheiterns einiges zu kurz gekommen, was ich nun eingehender erläutern möchte.

Vorab noch etwas. Du schreibst: Verlierer werden zwar bemitleidet, aber nicht um Rat gefragt.

Die bekannteste Losergeschichte der westlichen Welt ist die von Jesus Christus, und nach wie vor werden die Lehren dieses Losers par excellence weltweit verbreitet. Verlierertypen als Sieger zu stilisieren, scheint also nicht nur eine genuin deutsche Eigenart zu sein.

Verlieren ist nicht der Sinn des Lebens, da stimme ich mit dir überein, aber ein unvermeidbarer Teil desselben.

Was ist denn überhaupt der Sinn des Lebens? Erfolg zu haben? Nicht aufzugeben? Es immer wieder versucht zu haben? Gekämpft zu haben?

Mit welchem Ziel? Was ist der Zweck dieser Bemühungen, dieser Übungen? Um mir und der Umwelt zu beweisen, daß ich in der Lage bin, mit dem Leben fertig zu werden? (So jedenfalls habe ich deine Ausführungen verstanden.)

Die beste Art, mit dem Leben fertig zu werden, ist, es zu lieben.

Aber was heißt es, das Leben zu lieben? Für mich heißt es, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. Dazu gehören die Siege, die Erfolge, genauso wie die Verluste und das Scheitern. Die dunklen wie die hellen Seiten in meinem Leben zu akzeptieren und alles zusammen als die Fülle, den Reichtum der eigenen Existenz zu begreifen. Das meine ich, wenn ich davon spreche, das eigene Scheitern zu akzeptieren und es nicht auszublenden.

Ich hoffe, ich werde jetzt nicht des Masochismus verdächtigt. Schmerzen an sich mag ich nämlich überhaupt nicht, aber dennoch ist es mitunter unerläßlich, sich dem Schmerz (und damit den Verlusten, dem Scheitern) im eigenen Leben zu stellen. Meiner Erfahrung nach ist das die einzige Art und Weise, um diesen wirklich überwinden zu können.

Sich dem Schmerz, dem Scheitern nicht zu stellen, bringt nämlich überhaupt nichts, außer daß ich den Rest meines Lebens eine Getriebene bzw. eine Vermeiderin bin. (Du kennst das ja mit dem Nicht-öffnen-wollen der Mahnbriefe.)

Und sich stellen ist etwas anderes als zu kämpfen. Ich bitte, das zu beachten, Eric. Beim Kämpfen kann ich noch (aktiv) etwas tun, beim sich Stellen kann ich nur (passiv) aushalten. Und letzteres ist so unangenehm, daß es die Menschen im allgemeinen wohl eher vermeiden.

Typisch für diese menschlich verständliche Verhaltensweise sind z.B. die Reaktionen auf unsere ungewollte Kinderlosigkeit. Da kommen dann auch immer gleich die Vorschläge von wg. Adoption, Pflegekinder oder den anderen Optionen im Leben. Aber dieser Schmerz in unserem Leben ist nicht heilbar, dafür gibt es kein Pflaster. Und ich bitte, meinen Einwand nicht als Schmollen mißzuverstehen. Ich versuche mich nur dem zu stellen, was wirklich ist, was ich wirklich fühle.

Denn meiner persönlichen wie beruflichen Erfahrung nach muß ich dies tun, um mir meine Empfindungsfähigkeit zu bewahren und zu erhalten. Wenn ich nicht richtig trauere, kann ich mich auch irgendwann nicht mehr richtig freuen im Leben.

Ich hoffe, durch die jetzigen Darlegungen sind meine Ausführungen über die Erhabenheit des Scheiterns etwas verständlicher geworden und dein Widerwille etwas gemildert.

Nun noch ein paar kurze Anmerkungen zu einigen Bemerkungen von dir:

- keine Bange, du sollst deine Urheberrechte als Autor schon behalten, zumindest solange, bis es ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle gibt.

- zu deiner Beruhigung: mein Einkommen liegt genau in der Höhe, daß ich damit zu denen gehöre, die diesen Staat finanzieren. (In Zukunft auch gerne dein bedingungsloses Grundeinkommen.) Weder schöpfe ich Sozialleistungen ab, noch kann ich durch Abschreibungen meine Steuerlast neutralisieren.

- ja, es tut weh, sich mit den dunklen Seiten der eigenen Geschichte befassen zu müssen (schließlich bin ich Deutsche). Eine Vermeidungsstrategie ist da bestimmt, die Sprüche einer Deutschen über amerikanische Machtpolitik auf Antiamerikanismus zu reduzieren.

- wenn du dir z.B. die Schulbücher anschaust, dann merkst du ganz genau, wer zu den Gewinnern, den Mächtigen in diesem Lande gehört. Du hast recht, wenn’s auch anders gemeint war.

- Glaubst du wirklich, in den unterentwickelten Ländern dieser Erde lebten nur Verlierer? Mitleid ist nicht Respekt, stimmt, genauso wie Gerechtigkeit auch etwas anderes ist als Mitleid. Aber das Ziel ist doch wohl nicht eine mitleidslose Gesellschaft, oder? (Auf Griechisch heißt Mitleid übrigens Sympathie.)

- und jetzt noch mal als deutsche Frau zum us-amerikanischen Mann:

1. Du als US-Amerikaner weißt noch nicht wirklich, was Scheitern bedeutet. Du bist in der weltweit vielleicht einzigartigen Lage, daß dein Land noch nie, außer eben die kurze Phase vor der Staatsgründung, von fremden Mächten abhängig gewesen ist. Die Zeit kommt noch und auch die damit verbundenen ganz eigenen Erfahrungen.

2. Schmeckten nicht die Küsse am süßesten, die dir (d)eine Frau geschenkt hat, als du dich als der Voll-Loser herausgestellt hast, der du eben auch bist? Als sie dich angelacht hat und dir gesagt hat: >Ich lieb dich trotzdem
Lieber Eric, ich hoffe, deine Aversion gegen die ‚deutsche Liebe zum Scheitern’ und dein ganzer übriger Trouble ist noch nicht so groß, daß du schon eine Rücksiedlung in die USA anvisierst. (Andererseits, auch dem Heimweh muß man sich stellen.)

Übrigens: auch älteren Mädchen gefallen Indianer noch sehr gut. Und als die Deutschen das letzte Mal massenhaft auf die Straße gingen, gab’s die Wende und danach gab es ihren Staat nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie sie es gewohnt waren. Ich weiß, warum ich so gerne auf meinem Sofa hocke. Da sitz ich auch gar nicht so verkehrt, denn die Welt kann man eh immer nur an einer Stelle verändern, nämlich genau da, wo man ist!

So Eric, und wenn du Lust hast, bist du jetzt wieder dran.

Es grüßt dich herzlichst

Titta

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