Tuesday, January 01, 2008



A while ago, a reader named Titta began a dialogue with me about the socialism, the responsibility of the state and the philosophy of fighting, winning and losing. I haven’t answered her for a while, but finally I got around to it. The following is her latest letter and my reply – in German:

Lieber Eric,

hier der Versuch einer Antwort in aller Kürze.

Das Paradies besteht, wenn man genau nachliest, aus leichter Gartenarbeit, also einer durchaus angenehmen Tätigkeit, zumindest nach meinem Empfinden. Das Böse ist allerdings systemimmanent (Schlange), der Mensch so anfällig wie wißbegierig (der Apfel wird vom Baum der Erkenntnis gepflückt, nicht vom Baum des Lebens – die verpaßte Chance, als Mensch doof aber glücklich und endlos vor sich hin zu leben), die Schöpfung als solche wird jedoch durchaus als gut bewertet. Und das alles Jahrtausende vor der protestantisch-calvinistischen Arbeitsethik.

Du hast noch nie im Leben ohne Kampf etwas erreicht? Wirklich? Okay, Kampf gehört auch zum Leben. (Der größte ist wahrscheinlich der gegen sich selbst.) Als erprobte Kampfsau bin ich selbst überzeugte Anhängerin dieser Einstellung gewesen mit dem Bewußtsein, alles erreichen zu können, wenn ich mich nur genügend anstrenge. Diese Vorstellung von mir war allerdings wirklich höchst naiv. Ein großer Lebenswunsch blieb nämlich unerfüllt – darum kämpfen zu wollen, schwanger zu werden – auf bessere Weise kann dir das Leben nicht zeigen, daß Kampf nicht das probate Mittel ist, das Leben mit all seinen Anforderungen zu meistern.

Was ist übrigens passiert, nachdem du die schönste Frau auf der Halloween-Party erobert hast? (Herzlichen Glückwunsch zum 12-Jährigen!) Wieso ist die Frau bei dir geblieben? Weil du so ein toller Hecht bist, der so gut kämpfen kann? Für unsere Stärken werden wir bewundert, aber geliebt werden wir wegen unserer Schwächen und Fehler. Die tiefsten und innigsten Momente mit einem anderen Menschen sind doch die, wenn der andere dich in deiner ganzen Erbärmlichkeit und Schwachheit sieht und akzeptiert und dich nicht trotzdem, sondern gerade deswegen liebt. Weil er selbst nämlich auch nicht anders ist. Liebe, Freundschaft, Vertrauen, Achtung, Respekt – all das, worauf es wirklich ankommt im Leben, das erwirbt man nicht durch Kampf, das wird einem geschenkt. Von anderen. Worauf meine Existenz in ihrem Kern beruht, liegt nicht im Rahmen meiner Fähigkeiten und Leistungen. (Beweist der dauernde Kampf im Grunde nicht vor allem, daß der Kämpfende sich seiner Stärke nicht wirklich sicher ist?)

Schreibst du noch die Bücher, die du wirklich schreiben willst?

Ich leiste mir gerade den ungeheuren Luxus, das zu schreiben, was ich will, jedoch in der Gewißheit, für einen Erstling mit 700 Seiten keinen Verleger zu finden. (Warum, muß ich dir nicht erklären.) Nun kann ich mir überlegen, noch einen kürzeren marktgerechten hinterherzuschieben, um zumindest dafür einen Verlag zu finden, damit dann irgendwann vielleicht mal das, was mir wirklich am Herzen liegt… Du kennst das ja! Was bleibt nach dem Kampf noch übrig – von dem Traum und von einem selbst?

Ehemalige DDR-Autoren meinten mal: In der DDR da wurden sie und ihre Werke wenigstens noch ernst genommen. Da hat man noch darauf geachtet, was sie schrieben und für so wichtig gehalten, daß ihre Bücher sogar verboten wurden.

Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, daß widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.
- John Maynard Keynes

Zu den perversen Auswüchsen des kapitalistischen Wirtschaftssystems keine weiteren Ausführungen mehr. Nur noch kurz: die Herren Siemens, Henkel, Daimler und wie sie alle heißen, haben ihre Unternehmensimperien durch ihre Ideen wie durch die Arbeit ihrer Beschäftigten aufgebaut. Wie viele Motoren hätte etwa Daimler alleine zusammenschrauben können? Wem gehören eigentlich letztendlich die Patente menschlicher Erfindungsgabe wirklich? Dem Erfinder? Der Menschheit? Oder dem Spiritus rector?

Wenn es einem Menschen gut geht, arbeitet er nicht mehr. Ist das nicht eine pervertierte Schlußfolgerung? (Hat vermutlich etwas mit der kapitalistischen Gleichung: Arbeit = Ware zu tun.) Am leistungsstärksten und produktivsten ist doch bekanntlich der, dem es gut geht.

Immer wenn ich Menschen, die wegen der Ausbeutung des Sozialsystems durch Nichtarbeitende besorgt waren, gefragt habe, ob sie selbst jemals arbeitslos gewesen seien, haben sie mit Nein geantwortet. Ich selbst war mal drei Jahre ohne Arbeit. Das brauche ich als Erfahrung nie wieder. Anscheinend geht’s mir nur mit Arbeit gut. (Ist das nur typisch deutsch?)

Ich habe jahrzehntelang in einem geteilten Land gelebt, in dem beiderseits Tausende von atomaren Sprengköpfen nur auf ihren Einsatz warteten. Ich habe Übungen für den atomaren Ernstfall über mich ergehen lassen und durfte erfahren, daß us-amerikanische Reisebüros schon mit dem Slogan werben: Besuchen Sie Europa, solange es noch steht. Ich passierte regelmäßig eine Grenze mit Mauer samt Hunden und Selbstschußanlagen, weil mein Land ausgerechnet da lag, wo die Interessensphären von zwei Großmächten aufeinandertrafen. Und wenn der Kalte Krieg heiß geworden wäre (was dank sowjetrussischer Einsicht und Vernunft nicht der Fall war), wäre ich gestorben für die geopolitischen Interessen anderer. Soviel nur zu den friedlichen Verhältnissen, in denen ich seit 60 Jahren leben darf.

Und bitte nicht mogeln! Die USA hat bereits vor 1945 so viele Kriege und militärische Interventionen (schöner Euphemismus) angeführt, sie hat schon ganz alleine dafür gesorgt, ein Weltreich zu werden. Dabei hat sie es immer glänzend verstanden, militärische Auseinandersetzungen vom eigenen Territorium fernzuhalten, bis zum 11.9.! Wenn die entsprechenden Historiker recht haben, ist der Zenit dieser Macht bereits mit dem Jahr 1945 überschritten worden und die nachfolgenden Kriege sind nur mehr Bemühungen um einen immer weiter schwindenden Machterhalt. So wurde Saddam Hussein nicht etwa nach seinem Einmarsch in Kuwait entmachtet, sondern erst rund 10 Jahre später, nämlich genau drei Monate, nachdem er die Bezahlung der Ölexporte seines Landes von Dollar auf Euro umgestellt hatte. Damit nicht andere Länder der Region auf ähnliche Gedanken kommen und damit den wirtschaftlichen Riesen USA endgültig zu Fall bringen, wird nun der Iran ins Visier genommen (übrigens auch von Hillary Clinton). Der Fall eines Weltreiches bringt, was immer deutlicher wird, stets große Verwerfungen mit sich. (Weshalb der relativ friedliche Zusammenbruch der UdSSR ja als geschichtliche Besonderheit gilt.)

Eric, glaub mir, unbekümmert bin ich als Deutsche ganz und gar nicht. Aber das dürfte dir auch nichts Neues sein.

Spannend wird es werden, wenn die USA endgültig ihre wirtschaftliche und politische Vormachtstellung verloren hat. Was wird dann mit diesem Land passieren, wenn die Menschen dort nicht mehr partizipieren können am allgemeinen Aufschwung, ganz einfach, weil es den so nicht mehr gibt? Was wird dann der Kitt dieser Gesellschaft sein, wenn Nationalstolz und wirtschaftliche Führungsstärke wegfallen? Learn to lose. Womit wir wieder beim Kampf angelangt wären. Sieger gibt es immer nur ganz wenige. Die große Mehrheit gehört faktisch zum anderen Teil, zu den Verlierern. Erst in der Schwäche offenbart sich das eigentliche Gesicht eines Menschen. Vielleicht auch das einer ganzen Gesellschaft. Vom Verlieren verstehen wir Deutschen möglicherweise ja einiges. Aber da bin ich mir nicht so sicher.

Lieber Eric, ich vermute da, trotz deiner ganzen Kampfesrhetorik und trotz, oder vielleicht gerade wegen, deines us-amerikanischen Bemühens um Realitätssinn, eine große Sehnsucht in deinem Herzen. Und diese ungestillte Sehnsucht macht gerade die deutsche Seelenbefindlichkeit so interessant für dich.

Ich habe beruflich viel mit Kranken und Sterbenden zu tun und aus meiner Erfahrung heraus kann ich dir sagen: am Ende bleibt nicht das, was Menschen erreicht haben. Am Ende bleibt das, was du geträumt und gehofft hast und gerade das, was du nicht geschafft hast. Denn das ist das, was dich ausmacht. Auch wenn’s vielleicht naiv klingt.

Was den Menschen ausmacht, sind seine Verluste, seine Verletzungen, seine Fehlschläge. Und darin liegt nichts Erschreckendes, sondern etwas sehr Echtes, sehr Erhabenes, auch wenn es nicht danach klingt. Ein Sieg ist ein Sieg und danach hetzt du weiter zum nächsten Ziel. Die Bewältigung des eigenen Scheiterns, die Akzeptanz des Unerreichten im eigenen Leben fordert den Menschen in einer ganz anderen Weise und macht ihn erst zu dem, was er ist, einem ganzen Menschen. Aber vielleicht ist dies wirklich eine sehr deutsche Betrachtungsweise, eine sehr deutsche Art, das Leben zu begreifen, eine, mit der Amerikaner erst umzugehen lernen müssen. Ich weiß es nicht. Vielleicht weißt du es ja.

Aus diesem Ganzen heraus möchte ich dir jetzt nur noch sagen: Lets make love, not struggle, denn Eric, Kampf macht ganz schön müde auf Dauer, nicht wahr? Und unsere Kraft brauchen wir doch fürs Feiern, nichts fürs Kämpfen, da, wo sie sinnvollerer Weise auch hingehört!

Und jetzt bist du wieder dran…



Dear Titta!

Tut mir Leid, dass ich so spät antworte – es war alles sehr hektisch hier. Ich hoffe, du bist noch da draußen!

Vielen Dank für Deine interessante und ausführliche Antwort, jedoch muss ich energisch widersprechen! Dein Text ist voller Dinge, die ich gern kommentieren würde (vor allem über Dein Vorschlag, das Patentrecht rückgängig zu machen, habe ich mir die Haare gerauft – als Autor lebe ich ja vom verwandten Urheberrecht, und die Idee, dass jeder hergelaufene Verlag mir nix dir nix meine Texte verwenden kann, ohne mir dafür Geld zu geben, ist der Alptraum jedes Autoren). Doch im Kern dreht sich Deine Antwort um ein seltsames deutsches Phänomen, das ich das "Nadowessische Syndrom" nenne.

Du kennst ja das Stockholm-Syndrom, wo der Geisel sich mit dem Geiselnehmer identifiziert. Ich bin sicher, du würdest dieses Verhalten nicht als gut, logisch oder gar erhaben bezeichnen. Das Nadowessische Syndrom bezeichnet das Phänomen, wo der Gescheiterte zum eigenen Nachteil sich mit dem Scheitern identifiziert und das eigene Scheitern auch noch verherrlicht, ja zum erstrebenswerten Ziel erklärt. Beide Syndrome zeigen verzweifelte Menschen, die es leichter finden, zum eigenen Nachteil zu handeln, als weiter zu kämpfen.

Deine Theorie von der Erhabenheit des Scheiterns ist nichts anders als das. Und diese Theorie ist in Deutschland übrigens nichts Neues. Im Gegenteil: Die Idee, das Scheitern der Seele Tiefe verleiht, hat ihre Wurzel in der deutschen Nationbildung von vor 200 Jahren. Die Liebe zum Scheitern kommt aus der Romantik und hat einen hohen Stellenwert im deutschen Selbstbild:

Nachdem Napoleon ohne nennenswerten Widerstand durch Deutschland durchmarschiert ist und die Deutschen in Handumdrehen erobert und gedemütigt hat, war der Scham groß. Daraus wuchs die Bestrebung nach nationaler Einheit – Deutschland war ja damals eine Sammlung von kleinen Territorien und man glaubte, wenn es ein einiges deutsches Reich gibt, wäre die Nation ebenso stark wie Frankeich und in der Lage, sich zu wehren. Der Kern des deutschen Nationalbewusstseins erwuchs aus dem Scheitern.

Hand in Hand mit dem Ruf nach nationaler Einheit ging die Bestrebung los, das eigene Scheitern als etwas grundsätzlich Erhabenes zu interpretieren, also zu romantisieren. Man reimte es sich so zusammen: Wir sind nur deswegen Verlierer, weil wir uns auf innere Werte konzentrieren anstatt auf äußere, oberflächliche Werte. Die Franzosen haben Macht, Kommerz, Erfolg, aber keine Seele – das haben nur wir. Wir Deutsche sind klein und hilflos, aber wir sind ehrlich, gut, tugendhaft und wahrhaft. Damals sprach man von Tugenden, heute spricht man von inneren Werten und von Moral.

Die Idee, dass der militärisch oder ökonomisch überlegene Staat keine echte Seele hat, wurde zuerst auf die überzivilisierten, scheinliebenden, hinterlistigen Franzosen gemünzt. Als man in der Romantik die Germanen wieder entdeckte, wurden eben sie zu den echten Seelenmenschen hochstilisiert: Die Germanen waren gegenüber Rom klein und hilflos, dafür aber treu, gut, ehrlich und freiheitsliebend; Rom dagegen war überzivilisiert, seelenlos und machtgierig. Heute wird das gleiche Muster auf die Amis übertragen: Wir Amis seien kommerzgiel, seelenlos, oberflächlich, unkultiviert und imperialistisch. Deine Sprüche von amerikanischer Machtpolitik sind nichts als ein Ausdruck des 200-Jahre-alten deutschen Nationalbewusstseins: "Wir Deutsche sind Opfer der internationalen Mächte, aber dafür sind die internationale Mächte moralisch fragwürdig – im Gegensatz zu uns." Der deutsche Anti-Amerikanismus heute ist nichts anders als ein verstecktes deutsches Patriotismus, der heute immer noch von den gleichen Feindbildern lebt, wie vor 200 Jahren.

In "Deutschland-Quiz" gehe ich der Frage nach, warum die Deutschen ausgerechnet in Indianer so vernarrt sind. Wir Amis identifizieren uns ja mit den Cowboys – mit den Gewinnern. Lange vor Karl May identifizierten sich die Deutschen mit den Indianern – also mit den Verlierern. Warum? Weil die Indianer als militärisch unterlegen, aber moralisch und spirituell überlegen gesehen werden – genau wie die Deutschen sich selbst gerne sehen. Schon Friedrich Schiller schrieb ein Gedicht, in dem er die aussterbenden Indianer genau auf dieser Weise beschrieb: als edle Opfer, die majestätisch dahin gehen, aber ihre inneren Werte nicht verraten haben. Schiller hat die Indianer als Proto-Gutmensch-Verlierer beschrieben. Sein Gedicht hieß "Die Nadowessische Totenklage."

Das Nadowessische Syndrom – man hat verloren und romantisiert jetzt das eigene Scheitern – ist genau das, was Du mit solchen Sätzen beschrieben hast: "Was den Menschen ausmacht, sind seine Verluste, seine Verletzungen, seine Fehlschläge. Und darin liegt nichts Erschreckendes, sondern etwas sehr Echtes, sehr Erhabenes, auch wenn es nicht danach klingt. Ein Sieg ist ein Sieg und danach hetzt du weiter zum nächsten Ziel. Die Bewältigung des eigenen Scheiterns, die Akzeptanz des Unerreichten im eigenen Leben fordert den Menschen in einer ganz anderen Weise und macht ihn erst zu dem, was er ist, einem ganzen Menschen."

Das hört sich alles toll an – Du benutzt ja auch tolle Worte wie "erhaben" und "ganzer Mensch" – doch als Autor weiß ich, dass tolle Worte gern und oft einen faulen Kern verschleiern. Jenseits von der romantischen Rhetorik stelle ich zwei harte Fragen: 1. Was hat der Verlierer davon, wenn er das Verlieren umarmt? Und 2. Was hat der Mitmensch davon, wenn der Verlierer das Verlieren romantisiert?

Es gibt ja ein Unterschied zwischen dem Verlierer, der weiterhin "kämpft", und dem Verlierer, der aufgibt und das Verlieren sogar verherrlicht. Keiner hat etwas gegen Verlierer insgesamt – jeder scheitert irgendwann bei irgendwas, das ist unvermeidlich. Es gibt eine etwas naive Neigung, die Welt in "Loser" und "Gewinnern" einzuteilen, aber in Wirklichkeit gibt es kaum "Gewinner", die nicht auch irgendwann verloren haben oder verlieren werden. (Dass das Verlieren ein wichtiger Teil des Lebens ist, darin stimme ich mit Dir überein. Aber dass das Scheitern irgendwie an sich gut ist oder besser ist als Erfolg – darin kann ich mit Dir nicht übereinstimmen.) Wir schauen diese strahlenden (und prahlenden) Gewinner-Helden an, wie die Sprüche von sich geben und die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, und wir sehen nicht, dass sie auch immer wieder auf die Schnauze gefallen sind; sie tragen auch tiefe Wunden; sie haben auch Berieche im Leben, wo sie einfach gescheitert und unglücklich sind. Wir Amis wissen, dass Scheitern zum Erfolg gehört. Für jeden Du-schaffst-es-Gewinner-Spruch haben wir ebenso einen Verlierer-Spruch: "If at first you don't succeed, try, try again;" "Learn from your mistakes;" "pulling yourself up by your bootstraps," etc. Die Aufteilung der Welt in Gewinner und Verlierer ist Schwarz/Weiss-Denken und entspricht nicht der Realität.

Aber was ist mit dem Verlierer der, wie Du vorschlägst, das Verlieren als Sinn des Lebens sieht? Die Realität ist: Er trägt der Welt nichts bei. Du bist ja ein sozialer Mensch – hältst du es für sozial, wenn einer der Welt nichts gibt? Es liegt in der Natur des Scheiterns, dass man dadurch nicht nur weniger Geld und Ruhm hat, sondern weniger Selbstbewusstsein, weniger Stolz und weniger Achtung in der Gesellschaft (Mitleid ist nicht Respekt). Der Verlierer, der aufgibt, manövriert sich in die Bedeutungslosigkeit. Es hat vom Verlieren nichts, als eine Art Selbstrechtfertigung, und sein Mitmensch hat auch nichts davon, denn wer nichts hat, kann nichts geben. Weder Geld noch einen guten Rat. Es gibt gute Gründe, warum man einen Verlierer zwar bemitleidet, aber ihn nicht um Rat fragt.

Und da haben wir das Problem mit Deiner Theorie, dass das wahre Leben aus Scheitern besteht: Der Verlierer trägt selber zur Gesellschaft nichts bei, lebt aber von den Almosen des Gewinners. Es sind die Gewinner, die die Straßen und Schulen bauen, die die Schulbücher schreiben, die Krankheiten besiegen und Philosophien aufstellen. Es sind die Leute, die nie aufgeben und immer weiter "kämpfen", bis sie ihren Ziel erreichen, die die Gesellschaft aufbauen. Sie sind es auch, die letztendlich das Sozialsystem finanzieren.

Aber es sind nicht nur die paar Arbeitslosen, die von den Gewinnern leben: auch du und ich leben von ihnen. Als freiberuflicher Journalist kann ich keine Artikel verkaufen, wenn es keine Zeitungen gibt – die ja von Menschen aufgebaut worden sind, die vermutlich mehrmals gescheitert sind, bevor sie es geschafft haben, eine Zeitung erfolgreich aufzubauen. Ich kann kein Buch schrieben, wenn es nicht irgendwelche Buchhändler gibt, die kämpfen, um ihren Läden das Überleben zu sichern. Ich lebe von den Gewinnern dieser Welt und jeder "Verlierer" tut das auch.

Du hast geschrieben, Du bist in Deinem Traum gescheitert, Kinder zu haben. Das ist tragisch und traurig (das ist es wirklich), und das ist ein Schicksal, mit dem du "kämpfen" musst. Das macht dich aber nicht zum Vorbild. Das bedeutet nicht, dass alle Frauen auf Kinder verzichten müssen, weil es besser ist, zu "scheitern". Und wenn Du mal ein Kind adoptierst oder eine andere Erfüllung findest, wird es möglich sein, weil irgendjemanden vor Dir eine Agentur für Kinderadoption aufgebaut hat oder irgendwas getan hat, was Dir Dein Traum Nr. 2 ermöglicht.

Nun, ich habe nichts dagegen, wenn man sich selbst belmitleidet und schmollt. Aber Deutschland ist das fünf-reichste und fünf-mächtigste Land der Welt. Die Deutschen sind keine Opfer. Im Gegenteil, sie sind Gewinner. Auch Du, liebe Titta, hast mehr Privilegien als 95% Menschen auf der Welt. Auch wenn Du einige Niederschläge hinnehmen musstest, gehörst Du als Deutsche automatisch zu den Gewinnern dieser Welt. Du profitierst jeden Tag von den Gewinnern in Deutschland und von der Leistung, die sie bringen – das fing mit der Schule an, es geht über die öffentliche Straßen bis hin zu Sozialsystem, Arbeiterschutz und zu den billigen Preisen bei Aldi.

Nein, "Learn to lose" ist kein guter Satz. In einem Wohlfahrtstaat ist ein solcher Satz vielleicht cool, weil es die Werte der Eltern und des Mainstreams widerspricht, aber es ist nicht ehrlich. Wer von den Gewinnern profitiert, wie der durchschnittliche Deutsche das tut, soll es zugeben und soll auch ruhig Verantwortung für seine Privilegien übernehmen. Ein besserer Satz ist: "Learn to Give It Back – Lerne, zurück zu geben."

Ich freue mich auf Deine Erwiderung, wenn Du noch Lust hast! Und ich wünsche Dir ein wunderbares 2008 und möge Deine Träume in Erfüllung gehen –

Aloha, Eric

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