Saturday, March 01, 2008

Mein Freund Hans auf Hawaii

Mein Freund Hans ist Techniker aus München und hat vor kurzem eine begehrte Stelle als Techniker auf meiner alten Heimat Hawaii angetreten, wo er versprach, mich auf den Laufenden zu halten. Letzte Woche schrieb er mir:

Lieber Eric,

es ist viel schwieriger, mit meinem neuen Leben im Paradies zu Recht zu kommen, als ich erwartet hatte. Vor zwei Tagen musste ich wieder mal feststellen: Egal, wohin ich reise, nehme ich meine Neurosen mit, selbst nach sonnigem Hawaii.

Du weiß schon, ich bin sehr für Privatsphäre und Datenschutz und das beschäftigt mich immer, wenn ich nach Amerika einreise. Hier sind überall Video-Monitors und Sicherheitspersonal, und in meinen Gedanken stelle ich mir vor, ich könnte irgendwann irgendetwas tun, was missverstanden wird oder verdächtig aussieht, und schon werde ich angezeigt oder gar verhaftet. All diese Filme und TV-Shows gehen mir immer wieder durch den Kopf, in denen irgendein Unschuldiger wilde Beschuldigungen ausgesetzt wird und sich nicht wehren kann. Wenn er versucht, sich zu erklären, wird es schlimmer, und dann rastet er aus Frust auch noch aus und beschimpft die Cops auch noch, und dann wird es erst recht schlimm. Allein, dass solche Gedanken mir durch den Kopf gehen, wenn ich zufällig ein Polizeiwagen sehe oder ein gelangweilter Sicherheitsbeamte sehe, selbst im Paradies, das ist schrecklich. Du kennst sicher das Ala Moana Center [[[das ist Hawaiis wichtigstes Einkaufszentrum]]]. Es passierte auf dem obersten Parkdeck vor Sears [[[das ist Amerikas ehrwürdigstes Kaufhaus]]]. Ich hatte dort mein alter gebrauchter Honda unter den anderen Autos geparkt. Der Tag was heiß und schwül und salzig. Ich hatte gerade eingekauft – ein paar neue kurze Hosen. Du weißt, man trägt hier oft nichts als Flipflops, kurze Hosen und T-Shirts, und so war ich an dem Tag auch angezogen.

Auf dem Rückweg zum Auto hatte ich Durst, also holte ich mir bei Orange Julius eine riesengroße süße Orange Slush [[[ein Orange Slush - das ist viel Orangensaft und Eis, alles zusammen gequirlt, damit die Hälfte einen leckeren zuckrigen Schaum ergibt]]]. Ich stellte das Getränk auf das Armaturenbrett, schloss dann meine Einkäufe im Kofferraum und stieg wieder ein. Als ich den Motor anließ, zuckte das Auto mit einem Rück nach hinten und der Motor ausging. Ich hatte es in Rückwärtsgang gelassen. Das war natürlich der Moment, auf den der Orange Julius gewartet hatte – mit einem Rück lag es in meinem Schloss, und ich konnte mich nicht wehren, bis die Hälfte raus gelaufen war. Die schaumige, klebrige Masse war überall. Meine Hände waren voll, der Lenkrad war voll, der Sitz und Sitzgurt waren voll, meine nackten Füße waren voll und meine kurze Hose erst recht. Nun, zum Glück hatte ich ja gerade eine zweite Hose und einige T-Shirts gekauft. Also zog ich mein Hemd und Hose aus, und erst dann, als ich splitternackt hinter dem Lenkrad saß, dachte ich daran, dass ich meine Einkäufe im Kofferraum eingeschlossen hatte. Ich tat mein Bestes, mich wieder anzuziehen, aber du weiß ja, wie es ist, wenn man eine nasse Hose anziehen will – alles klebte, ich kriegte meine Füße nicht rein und der Lenkrad war auch noch im weg. Da half nichts: Ich musste raus und den Kofferraum aufmachen.

Ich wartete ab. Ich war mitten unter den andern geparkten Autos, die Leute kamen und gingen. Mehrmals versuchte ich, auszusteigen, doch dann sah ich Leute auf mich zukommen und ich machte schnell wieder die Tür zu. Langsam fiel ich auf. Irgendwann musste ich es wagen. Auf einmal war alles frei. Ich flitzte – oh, war ich schnell, wie der Wind. Und als ich am Kofferraum, erkannte ich ebenso blitzschnell, dass ich den Schlüssel nicht mitgenommen hatte. Also ging drehte ich mich wieder um, und in dem Moment sah ich ihn: Er war groß, er war dick, er war einer dieser Samoaner oder Tongaaner, einer dieser riesigen Kerle aus dem Teil der Südsee, wo alle riesig sind und keiner Spaß versteht. Und dazu trug er die Uniform des Wachpersonals. Ich wusste, dass es vorbei war. Wenn er mich einmal schnappt, bin ich verloren. Ich sprang wieder in den Fahrersitz und machte die Tür zu und verriegelte es in dem Moment, als er an das Auto heran trat.

Ich bin nicht sicher, was er mir durch das Glas zu rief, aber er wollte mir bestimmt keine frische Hose anbieten.

Auch an guten Tagen kann ich nur schlechtes Englisch, und heute war kein guter Tag. Also stammelte etwas heraus… nur, ich weiß nicht genau, was. …Im Nachhinein glaube ich, meine Erklärung hörte sich in etwa so an: "Ich war es nicht, es war der Orange Julius, die Orangensaft hat mich nackt gemacht und meine Hose im Kofferraum eingeschlossen."

Der Samoaner griff nach seinem Fernsprechgerät und forderte Verstärkung an. Ich griff nach dem Schlüssel und gab Gas – das Auto sprang rückwärts über die Bordkante, wobei ich noch mehr Gas gab. Dann schleuderte es herum – ich schaltete auch vorn und fuhr mit Höchsttempo an den brüllenden Samoaner vorbei, den Bürgersteig herunter und aus dem Parkplatz raus – wobei der restliche Orange Julius mir auf dem nackten Schoss kippte. Das war mir aber egal.

Nackt und klebrig fuhr ich durch Waikiki nach Hause. Erst als ich ankam, sah ich, dass ich meinen Auspuff am Tatort zurück gelassen hatte, genauso wie der Samoaner seine Faustabdrücke in meinem Autodach hinterlassen hatte.

Manchmal glaube ich, je mehr Ängste man hat, desto höher die Chance, dass sie wahr werden. Und jetzt habe ich noch mehr Angst.

Ich hoffe, es geht dir in meiner Heimat besser, als es mir in Deiner geht, lieber Eric, und ich freue mich, wieder mal von dir zu hören. Dein freund, Hans.