Saturday, August 16, 2008

NDR's "Hansen in der Hanse" Teil 3: Lübeck


"Hansen in der Hanse" - meine Mini-Mini-Serie auf NDR (hier klicken), jeden Montag abend ab 22:30 bei "KulturJournal. Ich fahre durch Norddeutschland und spiele mit den Menschen mein Deutschland-Quiz. Hier ein paar Extra-Texte - begleitend zur Serie - zum dritten Teil "Lübeck":

Eric T. Hansen über die Hanse und Globalisierung

"Globalisierung " ist eines dieser Worte, die man schon vor Jahrhunderten hätte erfinden müssen, es aber irgendwie verschlampt.

Schon die Wikinger waren auf ihrer bescheidenen Art Globalisierer – der Unterschied ist, damals ging man nicht auf die Straße, um gegen sie zu protestieren – man rannte einfach schreiend davon. Man hatte gar keine Zeit, ein Wort dafür zu erfinden.

Als ich zu den führenden Hanse-Historikern ging und sie fragte, ob die Hanse die Globalisierung erfunden hat, taten sie sich mit der Frage schwer. Einerseits, sagten sie, hat die Hanse ein erstaunlich modernes Wirtschaftssystem gehabt, das die wichtigsten Elemente der Globalisierung schon enthielt. Aber war es schon Globalisierung?

Hier sind die sechs wichtigsten Argumente für und das eine wichtige Argument gegen:

1. Die Hanse hat das Internationale Gerichtshof erfunden.

Ein Merkmal der heutigen Globalisierung ist Grenzen übergreifendes Recht und rechtliche Institutionen. Klar: Wenn die Wirtschaft über Grenzen hinweg arbeitet, muss man ein Recht schaffen, dass in jedem Land gleich ist. Also haben wir heute
die Weltbank, das Internationaler Währungsfonds, das Internationale Gerichtshof in Den Haag, die UNO und natürlich in Hamburg das Internationale Seegerichtshof. Das ist alles nichts Neues:

"Der Hanseraum funktionierte nach gleichem Seerecht", sagte Jörgen Bracker, pensionierter Direktor des Museums für Hamburgische Geschichte (und heute Autor von Hanse-Romanen, z.B. "Die Reliquien von Lissabon"). "Von Norwegen bis Stockholm war das Recht gleich, was die Seefahrt und Seeleute anging. Wenn ein Seemann aus Hamburg eine Straftat in London beging, musste er nicht nach Hamburg zurück gebracht werden; er konnte vor Ort vor Gericht gestellt werden und wurde nach dem gleichen Recht behandelt wie zu Hause. Dieses System verhinderte auch Übervorteilungen und führte zu günstigeren Rechtsverhältnissen."

2. Die Hanse hat die DIN erfunden.

Nicht nur Recht, sondern auch Maß und Qualität müssen standardisiert werden, bevor eine globale Wirtschaft funktioniert. Wenn ich ein Kopfhörer aus Taiwan kaufe, muss das Ding zu meinem iPod aus China passen. Das gleiche gilt für Qualitätsnormen: Wenn Fleisch aus Argentinien vor dem Export geprüft wurde, will ich schon wissen, nach welchen Kriterien es geprüft wurde. Es ist nicht verwunderlich, dass der DIN – eines der wichtigsten Normen der Welt – aus immer-wieder-Exportweltmeister-Deutschland stammt.

Die Hanse kam dem DIN zuvor. "Bei bestimmten Waren – zum Beispiel Laken oder Wolle – musste man garantieren, dass sie eine bestimmte Qualität und Größe erreichten", sagte Bracker. "Dafür entwickelte man eine Plombe, die man an dem Tuch festmachte, wenn die Bestimmungen eingehalten waren. Wenn ein Tuch diese Plombe nicht aufwies, war es gleich nur die Hälfte wert."

Apropos Globalisierung – auch internationale Piraterie ist nichts Neues. Sobald diese Plombe eingeführt wurde, wurde es auch von Produktpiraten imitiert.

3. Die Hanse hat den Kleinanleger erfunden.

Komplizierte Finanztransaktionen wie Hedgefonds und solche Dinge, von denen normale Menschen wie Sie und ich keine Ahnung haben, erlauben, dass ein Börsenmakler in New York ein Schuhfabrik in Rostock kauft, alle Arbeiter feuert und die übrig gebliebenen Teile nach China weiter verkauft. Von Schuhen muss der Mann gar nichts wissen. Er hat ganz einfach Geld und will das Geld vermehren. Oft ist es nicht mal sein Geld, sondern die Ersparnisse vieler Anleger, die ebenso wenig von Schuhen wissen wie er. Das ist die Grundlage der Globalisierung, und das gab es auch schon in der Hanse.

"Selbst ein Magd konnte ihr Erspartes als 'Widerlegung' in die Schifffahrt investieren, zum Beispiel im Geschäft ihres Herrn", sagte Dr. Rolf Hammel-Kiesow, Professor an der Uni Kiel und stellvertretender Archivleiter in Lübeck. "Er hat dann genauso viel Geld dazu gelegt. Die Gewinne wurden geteilt und die Verluste auch – allerdings dann nach einem anderem Maßstab."

Genau wie heute fiel es auch damals auf, dass der Kleinanleger bei einer geschäftlichen Katastrophe öfters mal den Kürzeren zog. Wenn ein Schiff im Sturm unterging, konnte das der Großanleger verkraften – er hatte ja andere Schiffe. Das Magd verlor aber ihre ganzen Ersparnisse. Heute gehen – wie im Fall Telekom – die Kleinanleger vor Gericht. Damals auch.

"In Nürnberg im späten 15. Jahrhundert hat Friedrich III. ein Privileg erlassen, das sich mit diesem Problem befasste. Er sagte, wenn eine Gesellschaft kaputt geht und der Hauptgesellschafter aus der Stadt verschwindet, dürfte man nicht verlangen, dass die in der Stadt gebliebenen Kleinanleger für dessen Schulden einstehen."

4. Die Hanse hat den Betriebsrat erfunden.

Die Deutschen sind besonders stolz auf ihrer vorbildlichen, von Arbeitgebern oft verhassten Tradition der Sozialleistungen. Mit Globalisierung an sich haben Sozialleistungen wenig zu tun – sie wurden von Bismarck eingeführt als Reaktion auf die Industrialisierung. Doch je mehr die Globalisierung billige Arbeitskräfte in anderen Ländern nach Strick und Faden ausbeutet, desto lauter wird der Ruf nach sozialen Leistungen auch dort.

Die Hanse brauchte keine Oppositionspartien, um bestimmte soziale Elemente einzuführen – zum Beispiel eine Art Betriebsrat.

"Ein Schiff wurde nicht allein vom Kapitän kommandiert", sagte Bracker. "Es gab einen Schiffsrat, der vorher befragt wurde, ob der Wind nach seiner Meinung zum Segeln gut sei oder nicht. Die Navigation an Bord stützte sich auf die Erfahrungen der mitreisenden Seeleute. Es gab damals wenig Technik am Bord – obwohl schon vor Jahrhunderten erfunden, wurde der Kompass im Nordseebereich erst seit dem beginnenden 15. Jahrhundert gebräuchlich; Wetterberichte gab es auch nicht. Aber die erfahrenen Seeleute wussten sofort, was sie zu tun hatten, wenn die Wasserfarbe sich änderte, oder wenn sie auf See bestimmte Vögel antrafen. Weil also die Kenntnis der natürlichen Vorgänge auf See so wichtig waren, wäre es verantwortungslos gewesen, die Erfahrungen der Älteren nicht zu respektieren. Daher wurde dem Schiffsrat vom Schiffsrecht die dominierende Rolle in der Navigation zugewiesen"

5. Die Hanse hat die Altersversorgung erfunden.

Nicht zu vergessen: Die Hanse war eine Gilde, und mittelalterliche Gilden waren meist sehr gut zu ihren Mitgliedern. Sie haben Hospizen betrieben und im Todesfall die Witwen versorgt. In Lübeck stehen heute noch die sogenannten "Witwenhöfen" – die Hanse hatte diese bescheidenen aber schönen Reihenhäuser als Billigunterkünften für die Witwen von Seeleuten und Kaufleuten, die zur See gestorben sind. Sie können besichtigt werden – und werden heute noch bewohnt.

6. Die Hanse hat das Informationszeitalter erfunden.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum eine Zeitung "Zeitung" genannt wird und nicht "Nachrichtenblatt"? Ich mich schon.

Auch das geht auf die Hanse zurück. "Das Einmalige und Bleibende an der Hanse war – und ich glaube das wird oft unterschätzt – die regional übergreifende Kommunikation", sagte Dr. Ralf Wiechmann vom Museum für Hamburgische Geschichte. "Der Hanse-Kaufmann muss nicht mehr, wie der Wikinger, selbst mit Schwert auf dem Schiff mitfahren und Vorort die Dinge in die Hand nehmen. Er sitzt zu Hause und schickt seine Angestellten überall hin – mit Briefen, die von seinen Partnern in fernen Städten empfangen werden. Das lebt bis in die Moderne weiter."

"Die Schriftlichkeit hatte zur Folge, dass ein Kaufmann den Volumen seines Handels mehrfach erweitern konnte, und zwar von seiner Schreibstube aus", sagte Hammel-Kiesow, stellvertretender Archivleiter in Lübeck. "Vorher konnte er nur mit einem Schiff mitfahren. Jetzt konnte er über eine unbegrenzten Anzahl von Schiffen verfügen."

In einer Zeit, in der der Adel immer noch das Lesen und Schrieben zum größten Teil verpönte, lernten die Kaufleute, dass mit Lesen und Schreiben Geld zu verdienen war. Und es ging nicht nur um Kaufpreise und Inventarlisten – es ging um Information.

"Das ganze Nachrichtenwesen der Kaufleute lief brieflich ab", sagte Hammel-Kiesow. "Es war für sie wichtig zu wissen, ob zum Beispiel der dänische König mit irgendjemandem in Streit lag, weil es dann nicht sicher war, nach Schonen zu fahren. Und man musste wissen, was die Menschen hier oder da Vorort besonders brauchte, und wo man etwas kaufen konnte. Man musste wissen, dass man in den Karpaten Holz für englische Langbögen kaufen konnte. Da war es auch wichtig, unter den eigenen Leuten einen Ratsherrn zu haben, weil so jemand als erster an neue politische Informationen kam."

Damit ihre Partner immer gut informiert sind, haben die Kaufleute regelmäßig Briefen mit Nachrichten hin und her geschickt, die mit so viel Information vollgestopft waren wie nur möglich. So viel, dass ein Historiker sie sogar "das Bloggen des Mittelalters" nannte.

Diese Briefe kamen und gingen mit der Flut, und hießen deshalb auch "Tidinge" – vom Niederdeutschen "Gezeiten." Eben dieses Wort "Tiding" wurde im Hochdeutschen später zu "Gezeiten" und im Englischen zu "tide", aber auch zu "time." Daher kommt das Wort "Zeitung". Wenn Sie demnächst "Die Zeit" oder "The Times" lesen, denken Sie daran: Sie heißen nicht so, weil sie Zeitgeschichte vermitteln, sondern, weil sie mal mit den Gezeiten kamen.

7. Die Hanse hat den Globus nicht entdeckt.

Aber ist das alles Globalisierung?

Es stimmt schon, dass die Hanse in der damals bekannten Welt überall aktiv war. "Sie handelten mit Gewürzen aus Afrika, vermittelt über den vorderasiatischen Bereich und über Venedig", sagte Wiechmann. "Es kam die Küstengegenden hoch bis zu Lüneburg und Hamburg."

In einem alten Lübecker Haus wurde mal ein Kaufmannsschatz aus Münzen aus aller Welt gefunden: Münzen aus Granada, Ungarn, Neapel, Finnland, Mittel- und Westeuropa, von den Niederlanden bis Russland, von Italien bis England. "Aus der Zusammensetzung der Münzen kann man sehen, dass der Kaufmann und seine Partner überall tätig waren", sagte Hammel- Kiesow.

Aber eins fehlte – der Globus.

"Die strukturelle Ähnlichkeit zu heute war wahnsinnig eng", sagte Hammel-Kiesow. "Was ablief, war das Gleiche, was nach dem Zeitalter der Entdeckungen ablief. Es war eine zunehmende Verdichtung wie heute, es war Handel über Grenzen hinweg, es war getragen durch Transpostwesen und Kommunikation… aber die Hanse war nicht weltweit aktiv, sondern nur in Europa. Mann kann es eine Europäisierung nennen, oder sogar eine Globalisierung ohne den Globus, aber zur Globalisierung fehlte noch die Entdeckung Amerikas."

Man kann sogar sagen, dass das Ende der Hanse mit der Globalisierung kam. Kurz nachdem Amerika entdeckt wurde, kam auch der Atlantikhandel auf, der größer und lukrativer war als der Handel im Nord- und Ostseeraum.

Ehemalige Weltmetropolen wie Lübeck lagen plötzlich abseits und würden immer bedeutungsloser. Der große Gewinner des Atlantikhandels im Hanseraum war Hamburg. In der Hansezeit selbst war Hamburg eine kleine und unbedeutende Stadt – jetzt schaffte sie es, sich in den Atlantikhandel einzuklinken und wurde reich.

Hat die Hanse die Globalisierung erfunden? Ja, schon, aber leider zu früh.


Eric T. Hansen über Bleistifte, Draht und Prinzessinnen

Ich staune immer wieder was für ein intellektuell wendiges Volk die Deutschen sind. Wie kaum ein anderes Volk sind sie in der Lage, fest an zwei Dinge zu glauben, die sich widersprechen. Mein Lieblingsbeispiel ist das mit dem "ausländischen Zeugs". Immer wieder höre ich, dass man in Deutschland "gezwungen" wird, lauter billigen Krams aus Amerika und China zu kaufen, und dass man im Gegenzug im Ausland von deutschen Produkten gar nichts wissen will. Gleichzeitig – sozusagen im gleichen Atemzug – ist man stolz darauf, Exportweltmeister zu sein (BZW. heute Vizeweltmeister nach China). Bin ich der Einzige, der hier einen Widerspruch sieht?

Die Wahrheit ist, kaum ein anderes Land exportiert so viel wie Deutschland. Während nur 10% der amerikanischen Wirtschaft mir Export zu tun hat, kommt fast 40% der deutschen Wirtschaft direkt aus dem Export. Schon deswegen sage ich gern: Es gibt kein Land der Welt, das so international ist wie Deutschland.

Und das nicht zum ersten Mal. Deutschland war immer wieder in seiner langen Geschichte Exportweltmeister, und das Schoene dran ist: Es war nicht immer nur Autos und Chemie. Da waren auch charmante Dinge dabei. Hier eine kurze Liste der interessantesten deutschen Exporte:

1. Dienstleistung.

Heute gilt Amerika als Land der Dienstleistung und die Deutschen als Dienstleistungsmuffel. Es war nicht immer so. "Lange Zeit waren die Deutschen in Italien sehr, sehr angesehen als Diener", sagte Historiker Kurt Weissen von der Universität Heidelberg. "Jede bessere italienische Familie hatte einen deutschen Diener. Das beginnt im Hochmittelalter und geht bis in die frühe Neuzeit. Wirtschaftlich war Italien damals ein Einwanderungsland - die Deutschen gingen dahin in großen Mengen." Wer hätte das gedacht – die Deutschen waren die Türken des Mittelalters.

Dementsprechend war auch das Bild der Italiener von den Deutschen: "Deutsche hatten den guten Ruf, sie seien sehr treu und sehr handwerklich begabt", sagte Weissen. "Auf der negativen Seite hatten sie auch den Ruf, dass sie unbotmäßig tranken und furchtbare Raufbolde waren. In Florenz war 10% der Bevölkerung aus Deutschland", sagte Weissen.

Ach ja: nicht nur als Diener, auch als Handwerker und Landknechte waren Deutsche sehr gefragt.

2. Bleistifte.

Jeder Amerikaner kennt es: Faber-Castell Bleistift Nr. 2. Wenn wir auf der High School einen wichtigen Examen vor uns haben, warnt uns der Lehrer vorher: Kommt zum Examen mit einem Bleistift Nr. 2. Nur diese hat die richtige Härte und Farbe. Und die Nr. 2, die wir dann kauften, stammte immer von Faber-Castel.

Was wir nicht wussten: Faber ist eine deutsche Firma. Gegründet 1761 wurde Faber im folgenden Jahrhundert zum weltweiten Marktführer für Bleistifte und ist noch heute mit zwei Milliarden gelben Stiften im Jahr der größte Bleistiftproduzent der Welt. Bleistifte hatte es schon vorher gegeben (als Graphit entdeckt wurde, glaubte man lange, er wäre Blei, daher wurden die revolutionäre Schreibgeräte Blei- und nicht Graphitstifte genannt), aber Faber war es, die dem Bleistift die heute standardmäßige Form, Länge, Farbe und Härte gab – und die sechs Kanten.

Nicht nur das. Faber hat den internationalen Markenschutz mitbegruendet. Weil Produktpiraten ihre Stifte gern als "Faber-Stifte" ausgaben, reichte die Firma 1874 beim Reichstag eine Petition ein, die um Schutz für die "Faber"-Marke bat. Diese Bitte wurde gewährt und die Idee eines einheitlichen gesetzlichen Markenschutzes wurde zum Leben erweckt. In den ersten Handelsregistern der USA steht der Name Faber auf vierter Stelle (und weil es die ersten drei eigetragenen Firmen nicht mehr gibt, ist Faber auch noch die älteste existierende Marke der USA).

3. Second-hand Kultur.

Heute gibt es in jeder deutschen Kleinstadt mehrere Antiquariaten und ein oder zwei Romantauschbörsen. Das ist keine neue Entwicklung. Antiquarische Bücher waren schon im Mittelalter der Exportschlager – schon vor dem Buchdruck.

"Man kam von Florenz bis nach Lübeck, um nach alten Handschriften aus der Antike zu suchen", sagte Weissen. "Wenn nötig, klaute man sie einfach."

Das Sammeln von Büchern setzt schon im 13. Jahrhundert in Italien ein, und irgendwann waren die italienischen Klosterbibliotheken von ihren kostbaren römischen Schriftrollen und von Mönchshand kopierten lateinischen Texten leer geplündert, die französischen auch. Also erweiterten die Händler ihre Suche. "Und dann kam Deutschland an der Reihe. Deutschland war abgelegen. Es lag weiter weg von Markt. Hier hatte man in irgendwelchen abgelegenen Klöstern gute Chancen, etwas zu finden."

4. Kunstdruck.

Nachdem Gutenberg den Buchdruck erfand, konnte man alles, was man zum Drucken brauchte, aus Deutschland holen. Deutschland brachte immer wieder Neuerungen auf den internationalen Markt. Noch im 19. Jahrhundert fluteten die Deutschen die ausländischen Märkte mit Farblithographien. "Farblithographie oder Steindruck war eine relativ neue Technik", sagte Christoph Buchheim, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Mannheim. "Um damit farbig zu drucken, wurden die Platten verschieden eingefärbt und über einander gedruckt. Es war sehr Mühsam, bis man eben diese schnelle Presse erfunden hat. In den späten 1870er Jahren nahm das massiv zu und wurde zum Exportschlager. Ein deutscher Handwerker hatte die Schnellpresse auf einer Weltausstellung gesehen und imitiert."

5. Musik.

"Deutsche Instrumentenbauer werden seit dem Spätmittelalter bis heute gesucht", sagte Weissen. "Vor allem für Blasinstrumente wie Flöten – aber auch Lauten und Trommeln. Die Deutschen galten als sehr gute Instrumentenbauer und auch als gute Musiker – es waren sehr viele deutsche Musiker in ganz Europa unterwegs, auch an den großen Höfen."

Im späten 19. Jahrhundert war Deutschland sogar Exportweltmeister für Klaviere. Viele Klaviere, die nach dem sogenannten "amerikanischen System" gebaut wurden, kamen aus Deutschland.

Das "amerikanische System" ist einfach: Man baut einen Eisenrahmen ein und spannt die Saiten über Kreuz. Klaviere mit "amerikanischen System" haben die Deutschen im 19. Jahrhundert angefangen auf den Weltmarkt anzubieten und bald waren sie die wichtigsten Exporteure – sie konnte sie schnell und billig produzieren. Das "amerikanische System" wurde zwar in den USA erfunden, aber von der Firma eines deutschen Emigranten: Steinway & Sons. Firmengründer Henry E. Steinway war zwar Amerikaner, aber geboren wurde er als Heinrich Engelhard Steinweg im Harz, und in Seesen baute er sein erstes Klavier, bevor er nach Amerika auswanderte und dort seine berühmte Firma gründete.

"Steinway hat dann einen seiner Klaviere mit Eisenrahmen auf einer Weltausstellung gezeigt und die Deutschen haben es gesehen und 1862 gewissermaßen reimportiert unter dem Namen 'amerikanisches System'", sagte Buchheim. "Die Deutschen haben es billiger gemacht für den Export. Sie haben in 19. Jahrhundert eine Menge imitiert und billiger gemacht." Obwohl Steinway auch heute noch der bekannteste Klavierbauer der Welt ist, waren die Deutschen lange Zeit fast genauso gut und billiger.

6. Waffen.

Heute sind alle neidisch auf den internationalen Vorrang, den wir Amerikaner in der Waffenproduktion haben – ha ha, nur ein kleiner Witz! Aber wo wir schon beim Thema sind – wir Amis waren nicht immer Waffenweltmeister. Im Mittelalter waren die Deutschen die Marktführer im Export von Schwertern, Harnischen und mehr.

"Nürnberger Waffen waren absolut die Besten", sagte Wirtschaftshistoriker Rainer Gömmel von der Universität Regensburg. "Nürnberg hat im 30-jährigen Krieg Waffen an alle führenden Kriegsparteien geliefert, also auch an die eigenen Feinde. Als Reichsstadt war Nürnberg dem katholischen Kaiser verpflichtet, doch die Stadt selbst war protestantisch. Also hat sie den Protestanten die Waffen verkauft und dem Kaiser das Geld zum Krieg gegeben."

Insgesamt war die deutsche Eisenverarbeitung im Mittelalter bis in die Neuzeit war europaweit an der Spitze.

"Alle Artikel aus Eisen und Kupfer – nicht nur Messern, auch andere täglichen Gebrauchsgegenständen, waren überall gefragt", sagte Gömmel. "Deutschland produzierte mehrere Millionen Messerklingen im Jahr, die in alle Welt hinausgingen, bis nach Indien und Asien. Sie waren einerseits billig waren – die Produktionstechnik war sehr fortschrittlich und spezialisiert – und andererseits, weil die Qualität trotzdem sehr hochwertig war. Es wurde immer sehr auf Qualität geachtet und auch auf Weltmarkt immer geachtet."

7. Draht.

Es hört sich an wie Witz – ist es aber keiner. Die Deutschen waren mal berühmt für ihr Draht.

"Im Mittelalter war die Drahtherstellung eine ganz komplizierte Sache", sagte Gömmel. "Wie stellen Sie ein endlos langen Kupfer- und Eisendraht her? Die Drahtproduktion war schon im 15. Jahrhundert voll mechanisiert. Es wurden ganz komplizierte Maschinen entwickelt, die vom Wasser ohne Hilfe von Menschen getrieben wurden. Die Kupferproduktion ist heute noch in der Nähe von Nürnberg angesiedelt."

8. Navis.

Die anderen Nationen beherrschten zwar die Weltmeere mit ihren mächtigen Flotten, aber ohne Deutschland wären sie alle nur im Kreis gesegelt.

"Im Spätmittelalter war Deutschland mit weitem Abstand das führende Exportland", sagte Gömmel. "Und die Hauptexportgüter waren ganz eindeutig sehr diversifizierte Metallprodukte – sowohl teure Produckte, wie z.B. medizinische und astronomische Instrumente, als auch Kleinmechanik. In nautischen Geräten hatte Nürnberg fast eine Monopolstellung. Die Portugiesen waren die kühnsten Seefahrer, aber sie benutzten überwiegend deutsche – Nürnberger – Instrumente. Sextanten, Kompasse. Die erste Taschenuhr Deutschlands – und einer der ersten der Welt – wurde in Nürnberg von Peter Henlein Anfang des 16. Jahrhunderts gebaut. Nürnberg war sehr innovationsfreudig."

Für Eisenbearbeitung hatte Deutschland ganz einfach die natürlichen Ressourcen: der Wald. "Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit gab es nur die Holzkohle", erklärte Gömmel. "Steinkohle kommt erst im späten 18. Jahrhundert. Holzkohle war ein extrem teures Gut und konnte nicht weit transportiert werden. Man musste die Eisenproduktion zum Holz hinbringen – man brauchte Erz, Wald für Holzkohle und Wasserkraft."

"Die Mechanik, Optik, Instrumentenbau und auch nautische Instrumente der früheren Jahrhunderte waren die Vorläufer zum Maschinenbau, das wir heute in Deutschland haben", meinte Buchheim. "Das waren Schlosser und Uhrmacher, die im 19. Jahrhundert Maschinenfabriken aufbauten. Ein großer Teil von ihnen stammt aus dem Handwerk, die mit Feinmechanik zu tun hatte."

9. Schmuck.

"Heute weiß man es nicht mehr" meinte Weissen, "aber im Mittelalter und im Spätmittelalter spielten Bernsteinrosenkränze aus Lübeck eine wichtige Rolle. Sie würden überall hin exportiert. Es ging oft um Geschenke an die Fürsten in Italien."

10. Spielzeug.

Haute genießen die Deutschen nicht unbedingt den Ruf, spassige, lebenslustige und spielfreudige Menschen zu sein. Das war aber nicht immer so. "Seit dem Mittelalter war Spielzeug – vor allem aus Nürnberg – tatsächlich ein Exportschlager", sagte Gömmel.

Spielzeug wurde als Exportartikel im 19. Jahrhundert sehr wichtig, nicht zuletzt auch weil neue Herstellungstechniken erfunden wurden, die auf große Nachfrage stießen. "Das Erzgebirge hatte im 19. Jahrhundert eine vorindustrielle Massenproduktion in Spielzeug", sagte Buchheim. "Es waren Massenwaren, die zentnerweise verkauft wurde – kleine Holzschweine und Arche-Noahs mit Figuren, die man extrem billig herstellte."

"Vor dem ersten Weltkrieg war Deutschland bei weitem das führende Exportland für Spielzeug und Spiele", sagte Hr. Helmut Schwarz, Leiter des Spielzeugmuseums in Nürnberg. "Deutschland war Hauptexportland für Puppen – vor allem billige Porzellanpuppen aus Thüringen. Und diese flachen Zinnfiguren, die Soldaten und andere Berufe darstellten, die exportierte Deutschland in großen Mengen seit dem 19. Jahrhundert. Seit 1870/80 hatte Deutschland fast eine Monopolstellung in Blechspielzeug. Die erste Spielzeug-Elektrodroschke der Welt kam aus Deutschland. Nürnberger Ware war ein Markenbegriff. Man hat geschnitzte Tiere – zum Beispiel Pferde mit Kutschen – in Oberammergau gekauft und als Nürnberger Ware weiter verkauft. Um 1900 gab es 200 Spielwarenhersteller in Nürnberg – das waren zum Teil große Fabriken mit 3000 Beschäftigten. Die Puppenstube, wie wir sie heute kennen, ist im Wesentlichen in Nürnberg erfunden worden – die Nürnberger Küche mit kleinen Kupfer- und Messingtöpfe wurde in alle Welt exportiert."

Heute ist Deutschland nicht mehr für Spielzeug bekannt, umso mehr für Gesellschaftsspiele. In Amerika nennt man heute Brettspiele teilweise "German games".

"Deutschland wird im Moment zu Spielexportweltmeister", sagte Ulrich Schädler, Leiter des Musée Suisse du Jeu in La Tour-de-Peilz. "Nachdem das Gesellschaftsspiel nach dem Krieg in Deutschland als Zeitvergeudung galt, wurde es in den 80ern wieder entdeckt. Da wurde ein riesiges kreatives Potential losgetreten. 'Heimlich & Co.' und 'Scotland Yard' waren die Erfolge der 80er. Typische deutsche Spiele wie 'Sagaland' oder 'Im Märchenwald' werden international verkauft. Und eine deutsche Erfindung, 'Die Siedler von Catan', ist eines der erfolgsreichsten Spiele weltweit. Die Dichte von Spielverlagen, wie wir sie in Deutschland haben, gibt es nirgends in Europa."

11. Prinzessinnen

Doch der merkwürdigste – und durchgehend beliebteste – deutsche Export ist der Mensch. Und der adelige Mensch.

Viele Deutsche sind Zaren geworden. Katarina die Große, die bedeutende russische Zarin, war Deutsche. Deutsche wurden auch ins Ausland geholt, um dort unabhängige Dynastien zu schaffen. Ein Bayer wurde der erste griechische König nach der Unabhängigkeit. Andere deutsche Könige gab es in Bulgarien. Zwei Kurfürsten von Sachsen – August der Starke und sein Sohn August der Dritte – waren Könige von Polen. Von 1714 bis 1837 waren die Fürsten von Hannover britische Könige und haben auch in London residiert. Erst im ersten Weltkrieg hat das britische Königshaus ihr Name geändert von "Haus Hannover" auf "Haus Windsor". Das geht bis in die Gegenwart rein. Die letzten beiden holländischen Prinzen kamen aus Deutschland.

"Es scheint so zu sein, dass Fürsten aus dem deutschen Kulturkreis besonders häufig in ausländische Dynastien einheiraten", sagte Dr. Hans-Georg Aschoff von der Universität Hannover. "Das hat vielleicht etwas damit zu tun, dass Deutschland kein Nationalstaat hatte, sondern viele Territorien mit eigenständigen Fürsten, die von Protokoll her gleichrangig waren."

Wenn ich ein Duke in England bin und will heiraten, warum sollte ich die dritte Tochter irgendeines kleinen Baronen nehmen, wenn ich aus Klein-Ober-Hügelbach in Niedersachen eine Prinzessin bekomme? "Deutschland hatte einfach viele Prinzessinnen zu vergeben", meinte Aschoff.

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