NDR's "Hansen in der Hanse" Teil 4: Wismar


"Hansen in der Hanse" - meine Mini-Mini-Serie auf NDR (hier klicken), jeden Montag abend ab 22:30 bei "KulturJournal. Ich fahre durch Norddeutschland und spiele mit den Menschen mein Deutschland-Quiz. Hier ein paar Extra-Texte - begleitend zur Serie - zum vierten Teil "Wismar":

Weltsprache Plattdeutsch

Alle wissen, dass die deutsche Sprache heute vom Englischen stark beeinflusst wird. Aber die wenigsten wissen, dass es auch mal umgekehrt der Fall war.

Als rund fünf Millionen Deutsche im 19. Jahrhundert nach Amerika eingewandert sind, zum Beispiel, haben sie meine Sprache maßgeblich verändert – und es handelt sich nicht nur um Worte wie "Kindergarten." Mein Lieblingswort aus dem deutschen ist "dumb" – aus dem deutschen "dumm". Bis dahin benutzen wir Amis das britisch-englische (und lateinische) Wort "stupid".

Noch mehr Einfluss hatte Deutsch im Mittelalter. Hunderte von Jahren lang war Niederdeutsch nämlich die Sprache der Hanse und aller, die mit der Hanse zu tun hatten. Und Niederdeutsch (ein Begriff aus der Sprachwissenschaft) ist nichts anderes als Plattdeutsch.

"Niederdeutsch war die Lingua Franca der Hanse", sagt Dr. Ingrid Schröder, Professorin für Sprachwissenschaft auf der Universität Hamburg. "Und es war mehr als ein paar Kaufleute oder Arbeiter auf dem Land, die es sprachen. Das gesamte Leben spielte sich damals in Niederdeutsch ab. Verwaltungstexte, Medizinaltexte, Kirche, Wissenschaft… alles auf Niederdeutsch. Den meisten Menschen ist es heute nicht mehr bewusst, dass selbst der Bürgermeister von Hamburg Niederdeutsch sprach."

Durch die Hanse wurde auch Niederdeutsch nach Holland, England, Skandinavien und ins Baltikum weiter getragen. "In Holland ist es heute unklar, wo Niederdeutsch aufhört und Niederländisch beginnt", sagt Schröder. "In Dänemark wurden die Urkunden am Hof auf Niederdeutsch verfasst; in den baltischen Städten wurden Hochdeutsch und Niederdeutsch nebeneinander gesprochen. Vor allem in Skandinavien hat Niederdeutsch die Sprache beeinflusst. Manche Wissenschaftler sagen, zwischen 30% und 50% des schwedischen Wortschatzes kommt aus dem Niederdeutschen; andere schätzen sogar bis 70%."

Auch nach der Hansezeit wurde Plattdeutsch durch diverse Auswanderungswellen nach Russland, Südamerika, in die USA und nach Kanada getragen.

Niederdeutsch war nicht der einzige Botschafter des Deutschen in aller Welt: eine weitere deutsche Sprache, eine großen Einfluss hat, war Jiddisch.

Jiddisch ist keine Abwandlung des Hebräischen, sondern eine germanische Sprache, die sich im mittelalterlichen Deutschland entwickelte und von dort aus – vor allem durch verschiedene Wellen von Vertreibungen – nach Osteuropa und Amerika getragen wurden. Wenn man heute in Amerika deutsche Sätze wie "Be a mensch" oder Begriffe wie "schlep" und "verkakte" hört, das kommt alles aus dem jiddischen.

Das Goethe Institut hat vor ein paar Jahren ein Buch namens "Ausgewanderte Wörter" herausgebracht, in dem einige der schönsten deutsche Begriffe in andere Sprachen besprochen werden. Hier eine Auswahl der schönsten Worte aus dem Buch:

In Polen ist ein "Szlafmyca" – aus Schlafmütze" – ein träger Mensch, und ein "Wiehiesster" (aus "Wie-heißt-er?") ist ein "Dingsbums".

In Norwegen haben die Begriffe "Vorspiel" und "Nachspiel" nur indirekt mit Sex zu tun – sie bezeichnen Alkoholkonsum vor oder nach einer Veranstaltung, wo der Alkohol ja teurer ist als zu Hause.

In Ungarn ein "Vigec" ein Verkäufer und kommt von "Wie geht's?". Aber nicht nur das: ein "Was-ist-das?" bedeutet… Kunst.

Scheinbar kannten die Finnen zwei der schönsten Tätigkeiten des menschlichen Umgangs miteinander gar nicht, bis sie die Deutschen kennenlernten, denn aus dem Deutschen haben sie nicht nur "Besservisseri", sondern auch "Kaffepaussi". Ironischerweise bedeutet "Kaffepausi" gleich "Betriebsunterbrechung".

In Italien sagt man "Blitz", wenn man "Razzia" meint – ein fairer Tausch, denn in Deutschland sagt man dafür "Razzia".

Lange Zeit hatte Deutschland – wo man sein ganzes Arbeitsleben lang als Angestellter in der gleichen Firma verbrachte – kein Wort für "vorübergehende Arbeitsstelle", und übernahm dafür "Job" aus dem Anglo-Amerikanischen. Die Japaner hatten das gleiche Problem – und lösten das Problem, indem sie ein Wort aus dem Deutschen nahmen: "arbeito"

Und natürlich sind viele wichtige Teile des deutschen Alltagkultur in andere Länder ausgewandert: Auf Hebräisch sagt man "Schlafstunde" zum Mittagschlaf; die Niederländer haben "Schwalbe" übernommen; die Engländer sagen "Katzenjammer für ""Kater"; In Russland sagt man "Butterbrot", in Chile sagt man "Kuchen" und auf Arabisch sagt man "Achso".

Und die Liste geht ewig weiter.


"Krauts"

Als ich noch auf Hawaii lebte, glaubte ich allen Ernstes, die Deutschen stammten von den Hunnen ab. Mann, war das peinlich, als ich später, frisch auf der Münchner Universität, dieses Wissen als Grundlage für einen Kommentar in einem historischen Seminar auch nutzte.

Nein, das Schimpfwort »Hunnen«, das im angloamerikanischen Raum für Deutsche steht, stammt aus einer total verunglückten Rede Kaiser Wilhelms II. im Jahre 1900, in der er Repressalien für den Boxer- Aufstand in China ankündigte: »Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht … Wie vor tausend Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel sich einen Namen gemacht, der sie noch jetzt in der Überlieferung gewaltig erscheinen lässt, so möge der Name Deutschlands in China in einer solchen Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese es wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen.«

Acht Nationen, einschließlich Japan und Russland, entsandten Truppen, um der scheelenden Aufständischen Herr zu werden. Ein Teil der deutschen Truppen unter der Leitung des Alfred Graf von Waldersee, der auch noch recht spät auftauchte, ging dabei so exzessiv gegen die schon geschlagenen Rebellen vor, dass vor allem die Engländer (die übrigens mit ungleich mehr Soldaten beteiligt waren) sich an die kaiserliche Rede erinnerten und fortan »Deutsche« mit »Hunnen« gleichsetzten.

»Krauts« jedoch ist von den angloamerikanischen Schimpfwörtern am schwersten zu erklären. Im Zweiten Weltkrieg, als der Begriff sich endgültig durchsetzte, war der Konsum von Sauerkraut in den USA doppelt so hoch wie in Deutschland und noch heute essen die Franzosen mehr Sauerkraut als die Deutschen.

Von nationaler Bedeutung ist Sauerkraut in fast allen nordeuropäischen Ländern. In Ungarn wird es mit Gulasch gegessen, in Polen besteht das Nationalgericht Bigos zum größten Teil aus Sauerkraut; in Tschechien gehört es zum Nationalgericht Veprˇo- Knedlo-Zelo, auf dem Balkan zu einem Krautwickel namens Sarma. Im Grunde sind alle Europäer »Krauts«. Aber auch die Japaner (Tsukemono), Koreaner (Kimchi) und Chinesen schwören auf das Zeug.

Möglicherweise war es China, das Deutschland Sauerkraut schenkte, und zwar über wandernde Mongolenstämme. Oder waren es doch die Römer, die es von den Griechen hatten? Möglich ist auch, dass es wandernde Juden waren, die Sauerkraut von Süd- und Osteuropa nach Deutschland brachten. Wenn es um die Herkunft des Sauerkrauts geht, gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Das hat damit zu tun, dass man vor allem in Winterzeiten Gemüse brauchte, das leicht konservierbar war. Weißkohl hält sich sowieso schon lange, und mit Hilfe einer guten Milchsäuregärung noch länger.

Dazu kommt, was man damals nicht genau wusste, wohl aber spürte: Sauerkraut ist reich an Vitamin C. Warum dann wurden ausgerechnet aus den Deutschen Krauts? Die einzige logische Theorie, die bleibt, ist, dass der Begriff aus der Seefahrt stammt. Als im 18. Jahrhundert bekannt wurde, dass Skorbut unter Seefahrern durch Vitamin C verhindert werden kann, begann die englische Marine, stets Zitronen- oder Limettensaft mitzuführen. So habe ich das noch in der Schule gelernt: Limettensaft hat die Seefahrt sicher gemacht. Doch das ist die englische Sicht der Dinge – die deutschen Seefahrer nahmen nicht Limettensaft, sondern Sauerkraut mit.

(Aus "Deutschland-Quiz")


"Made in Germany"

Selbst mir als Ami fiel das auf, damals in Hawaii: »Made in Japan«, »Made in China«, »Made in Germany«. Das ist doch Englisch. Wenn das Ding tatsächlich aus Deutschland kommt, warum steht das nicht auf Deutsch da drauf?

Eine Weile dachte ich, »Made in Germany« erscheine nur auf Produkten, die in englischsprachige Länder exportiert werden. Dann erfuhr ich, dass es weltweit dazu dient, deutsche Produkte zu identifizieren, selbst in Deutschland. Die armen Deutschen, dachte ich. Was, wenn sie kein Englisch können? Sie betrachten das Produkt, verstehen den Sinn nicht und denken sich: »Wieso können wir so was nicht selbst herstellen? Ach, hätten wir nur den Krieg gewonnen, dann würden jetzt alle deutsch sprechen.«

Das ist unfair: Wir, die englischsprachige Welt, zwingen andere Länder, sich in unserer Sprache auszudrücken. Lange Zeit habe ich mich dafür geschämt – bis ich erfuhr, woher der Ausdruck wirklich stammt. »In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war Deutschland einer der weltweit wichtigsten Exporteure«, erklärte mir Christoph Buchheim, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Mannheim und Autor des Buches Industrielle Revolution, »deutsche Konsumgüter fanden massenweise begeisterte Nachfrage in England.«

Nachdem ganz Großbritannien jahrelang fröhlich ausländische Güter konsumiert hatte, bemerkte ein scharfsichtiger Brite plötzlich, dass das Empire der expansiven deutschen Wirtschaft zum Opfer gefallen war. Das war eine neue gänzlich schockierende Idee. Bis dahin wurde Herrschaftsanspruch gemeinhin an militärischer Macht gemessen. In dieser Beziehung fühlten sich die Engländer sicher: Militärisch waren sie noch immer unschlagbar und machten ihre Nachbarn ordentlich eifersüchtig. Jeder starrte wie gebannt auf die britische Flotte und niemand auf die Wirtschaft.

Auf diesem Feld hatten die Deutschen in aller Stille aufgeholt. Nachdem sie sich mit einiger Verspätung industrialisiert hatten, gingen sie mit umso mehr Eifer daran, alles zu kopieren, was andere Länder so herstellten. Na gut, sie exportierten auch hochwertige Güter und eigene Erfindungen, aber, so Buchheim, »sie haben eine Menge imitiert und billiger gemacht. Sie holten sich ihre Ideen oft auf Weltausstellungen.«

Der kluge Mann, der den schleichenden wirtschaftlichen Imperialismus Deutschlands in einer Reihe von Artikeln angeprangert hat, war ein Journalist namens E. E. Williams. 1896 wurden diese als Buch veröffentlicht. »Darin machte er sein Publikum darauf aufmerksam, dass ihre Häuser voller Schund aus Deutschland waren«, sagte Buchheim, »und dass sie lieber britische Produkte kaufen sollten.«

Das Buch klingt streckenweise wie gutes deutsches Feuilleton, das auf immer neue, eindrucksvolle Weise den Untergang des Abendlands beschwört. Mit dem kleinen Unterschied, dass Williams den Untergang von Englands Weltherrschaft an die Wand malte. Damit hatte er übrigens recht. »Die industrielle Überlegenheit Großbritanniens war lange sprichwörtlich; doch sie wird schnell zum Mythos«, schreibt er gleich anfangs. »Die industrielle Herrlichkeit Englands schwindet, und England weiß es nicht … Dies sind für alle, die an unsere ewige Herrschaft glauben, ernüchternde Fakten.«

Williams beschreibt in deutlichen Worten, wie die Deutschen, Spionen gleich, den Engländern alles abguckten:

»Bis vor einigen Jahrzehnten war Deutschland ein landwirtschaftlicher Staat. Seine Fabriken waren klein und bedeutungslos; sein Industriekapital winzig; sein Export zu unwichtig, um die Aufmerksamkeit des Statistikers zu rechtfertigen; es importierte meist nur zum eigenen Konsum. Jetzt hat sich alles geändert. Seine Jugend hat sich in englische Häuser gedrängt, hat sich die englischen Herstellungsgeheimnisse erschlichen und ihre eigenen Fabriken mit unserem Wissen bereichert. Es hat sein Volk auf eine Weise gebildet, die es in manchen Branchen der englischen Industrie überlegen, in fast allen mindestens gleichrangig macht.«

Er fordert seine Leser auf, sich mal zu Hause umzusehen:

»Betrachten Sie, werter Leser, Ihre Umgebung … Sie werden feststellen, dass sogar die Stoffe an Ihrem Körper mit ziemlicher Sicherheit in Deutschland gefertigt wurden. Noch wahrscheinlicher ist die Kleidung Ihrer Frau deutsche Importware. Das Spielzeug, die Puppen, die Märchenbücher ihrer Kinder wurden in Deutschland hergestellt, ja, selbst das Papier Ihrer patriotischen Zeitung stammt aus Deutschland.«

Williams gab seinen Lesern sogar ein Schlagwort mit, um minderwertige deutsche Waren zu bezeichnen:

»Weil es so offensichtlich ist, dass deutsche Waren nicht deswegen gekauft werden, weil sie Schund, sondern, weil sie billig sind, sollte die treffendste Bezeichnung für sie lauten: ›Billiger Schund‹.«


Er entwarf ein Bild von der deutschen Wirtschaft als eine von finsteren Absichten getriebene, planmäßig gesteuerte imperialistische Maschine, der es nicht allein um Geld geht, sondern um die Unterwerfung der gesamten englischen Wirtschaft: »Dazu kommt, dass die deutsche Aggression systematisch, universal und tödlich ist, und man muss sie als ein Phänomen des Bösen … betrachten.«

»Es war ein Bestseller«, kommentierte Buchheim trocken, »und sehr einflussreich.« Der Titel: Made in Germany.

Das Buch versetzte die armen Engländer dermaßen in Panik um den Verlust ihrer naturgegebenen Vorherrschaft, dass das Parlament bald darauf ein Gesetz verabschiedete, das besagte, alle importierten Produkte seien ab sofort mit dem Herstellungsland zu kennzeichnen.

In den folgenden Jahren übernahmen auch andere Länder die Kennzeichnungspflicht, bis es üblich war, alle Exportartikel so zu etikettieren – und zwar nach englischer Tradition gleich auf Englisch. Das finde ich ganz schön ironisch. »Made in Germany« war ja im Grunde eine Beleidigung, eine wirtschaftliche Diskriminierung, ein Angriff. Der deutschen Wirtschaft sollte dadurch geschadet, die Deutschen bloßgestellt werden.

Was haben die Deutschen getan? Darüber gejammert? Den Kaiser mal mit einem Blumenstrauß bei der englischen Verwandtschaft vorbeigeschickt? Nein, sie verlegten sich bei der Produktion seither dermaßen auf Qualität, bis »Made in Germany« keine Warnung mehr, sondern eine Auszeichnung war.

Das erinnert an die Geschichte des Begriffs »Amerikaner« Bevor es die USA gab, waren wir Amis in unseren englischen Kolonien noch Bürger Großbritanniens und stolz darauf. Die in England lebenden Engländer sahen das anders. Für sie waren wir die peinlichen Brüder aus Übersee. Als der in Boston geborene, weltweit gefeierte geniale Benjamin Franklin nach England kam und sich um einen politischen Posten bewarb, hielt man ihn so lange hin, bis er enttäuscht und wütend nach Amerika zurückkehrte und dort der Revolution zum Erfolg verhalf. Die Engländer nannten uns »Amerikaner«, um uns herabzusetzen – wir waren anscheinend nicht gut genug, um echte »Engländer« zu sein.

Als wir die verdammten Engländer rausschmissen, kehrte sich das um: Trotzig nannten wir uns selbst fortan »Amerikaner«. Heute weiß keiner mehr, dass es mal ein Schimpfwort war. Genau wie keiner mehr weiß, dass »Made In Germany« einst eine Warnung sein sollte.

(Aus "Deutschland-Quiz")

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