NDR's "Hansen in der Hanse" Teil 5: Bremen

"Hansen in der Hanse" - meine Mini-Mini-Serie auf NDR (hier klicken), jeden Montag abend ab 22:30 bei "KulturJournal. Ich fahre durch Norddeutschland und spiele mit den Menschen mein Deutschland-Quiz. Hier ein paar Extra-Texte - begleitend zur Serie - zum fünften Teil "Bremen":

Der amerikanische Traum a la Hanse

Eines der mächtigsten Ideen der letzten 200 Jahren ist der amerikanischer Traum – die Idee, dass man den festgefahrenen Verhältnissen in (adeligen) Europa entfliehen kann und in Amerika das werden kann, was man werden will. Das hing schon vom Anfang an mit Geld zusammen – denn sozialer Aufstieg war ohne Geld nicht möglich, und man konnte nur dort zu Geld kommen, wo man die Freiheit hatte, seine Pläne zu verwirklichen. Also in Amerika.

Und es stimmt schon, dass adeliger Europa vor 200 Jahren festgefahren war (und auch gar nicht so lange her, denn in Deutschland wurde der Adel und damit auch der Leibeigenschaft erst 1918 abgeschafft). Aber waren die Europäer wirklich so dumm, dass erst die Amis auf die Idee kamen, etwas dagegen zu tun?

Nein. Schon im Spätmittelalter gab es den amerikanischen Traum – und er hieß "die Stadt".

"Bestimmte Städte haben es geschafft, sich außerhalb des adeligen Systems zu stellen", sagte Bremer Archivar Konrad Elmshäuser. "Sie haben sich emanzipiert."

Wer als Leibeigener unter der Herrschaft des Adels lebte, musste alles tun, dass ihm gesagt wurde – er konnte nicht umziehen, wie er wollte, er konnte nicht einen andere Beruf aussuchen, er konnte teilweise nicht mal ohne Erlaubnis seines Herrn die Frau heiraten, die er selbst aussuchte.

In den Städten war das anders. Er war frei. Sicher, die Stadtherren waren nicht die super aufgeklärten Liberalen, aber im Großen und Ganzen konnte man so leben wie man wollte. Und wer es schaffte, aus dem adeligen Leibeigentum zu fliehen und mindesten "ein Jahr und ein Tag" in einer Stadt unbehelligt zu leben, war er frei. Er gehörte nicht mehr seinem Herrn und genoss den Schutz der Stadt.

Tellerwäscher Werenzo

Das gefällt mir. Es war die mittelalterliche Variante der amerikanischen Geschichte "Vom Tellerwäscher zum Millionär". Man konnte sich als Korbflechter in der Stadt niederlassen, einem Korbflechtergilde beitreten, seine Körbe am Markt verkaufen, Angestellten anheuern, die noch mehr Körbe flechten, und dann die Körbe in aller Welt verkaufen. Unter dem Adel war das nicht möglich.

In den Bremer Archiven liegt eine Urkunde von 1200, in der Arnold und Eberhard, die Grafen von Altena, offenbar nach einem Streit mit der Stadt, kleinbeigeben – sie "verzichten" auf ihr Eigentum, nämlich auf einen gewissen Mann namens "Werenzo", der offenbar ehemals ein Hörigen von Arnold und Eberhard war.

Was passiert war – wie lange Arnold und Eberhard den Werenzo gesucht haben, was sie alles getan haben, um ihn zurück zu kriegen, wissen wir nicht. Wir wissen auch nicht, was Bremen alles getan hat, um den man zu schützen. Wir wissen nur, dass die Städte auch wirklich gegen den Adel um die Freiheit ihrer Städter gekämpft haben.

Kinderstube der Demokratie.

Im Grunde war die Freiheit der Städte auch der erste Vorläufer der Demokratie.

"In der europäischen Geschichte brachte die Freiheit der Städte das emanzipatorische Element ein", sagte Elmshäuser. "In der europäischen Geschichte waren gerade diese städtischen Verhältnisse die Kinderstube der Demokratie. Es gab in den Städten noch feudale Verhältnisse – alles wurde vererbt, zum Beispiel – aber trotzdem war man in der Stadt rechtlich gleich. Es gab keiner Geblütsabkunft. Man wurde nicht durch seine Geburt, sondern durch seine Funktion definiert. Zum ersten Mal in der abendländischen Geschichte konnte man das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das ging dem Adel natürlich gegen den Strich."

Früh hat der Adel erkannt, dass die Freiheit ihr größter Feind war. Immer wieder versuchte der Adel, die Städte zu unterjochen. Manchmal gelang es ihnen auch – aber manchmal nicht. Vor allem hatten die Städter einen mächtigen Alliierten – das Geld. Denn die Früh-Demokraten waren in der Lage, mehr Geld zu verdienen als die Adeligen, und ohne das Geld der Früh-Demokraten konnte die Adel nicht leben.

Im 14. Jahrhundert zum Beispiel versuchte es der adelige Erzbischof Albert. Er hatte nämlich Alliierten in Bremen, die aus eigenen Gründen den Stadtrat ersetzen wollten: eine Gruppe von Handwerkern. Eines Nachts überquerten sie die Weser, fiel an der Brücke in die Stadt ein, überfiel bestimmte wichtigen Häuser der Stadt, nahmen die Ratsmitglieder und deren Anhänger fest und besetzten den Rathaus.

Es funktionierte. Der Stadtrat – diejenigen, die noch frei waren – floh. Und schon das war der Anfang vom Ende.

Mit den Waffen der Hanse.

Diejenigen, die flohen, machten sofort Propaganda bei der Hanse und in anderen Städten. "Denn während alle Städte in blutigen Konkurrenz zueinander standen, konnten sie alle eines nicht aushalten, und das war, dass ihre Rechte beschnitten wurden", sagte Elmshäuser.

Die Hanse tat das, was sie am besten konnte: Sie hat den neuen Stadtrat nicht anerkannt und von nun an durfte ganz Bremen an keinem Handelsplatz der Hanse mehr ihre Waren auslegen. "Es war ein wirtschaftlicher Embargo", sagte Elmshäuser. "Das war die schärfste Waffe der Hanse, die sie auch immer wieder benutzt haben."

Ohne Unterstützung in der Stadt war die Revolution schnell zu Ende. Albert musste das Geld, das er aus der Stadt erpresst hatte, zurückgeben. Alberts Männer im neuen Rat wurden geköpft. Bis zum Dreißigjährigen Krieg gab es in Bremen noch Erzbischöfe, die gleichzeitig Stadtherren waren – aber nur im Namen.

Die Lady Liberty des Mittelalters.

Wenn der amerikanische Traum eine Erfindung des Mittelalters war, ist es nur logisch, dass das Symbol dieses Traums – die Freiheitstatue im Hafen von New York – auch eine mittelalterliche Erfindung ist.

Als Erzbischof Albert Bremen kurze Zeit in der Hand hielt, hat er als Erstes – sozusagen, um sein Triumph zu feiern – den Roland abgefackelt.

Keiner weiß genau warum, aber im späten Mittelalter fingen die Deutschen an, einen bis dahin eher unbekannten Helden um Karl dem Großen (also 500 Jahre früher) zu verehren – namens Roland. Dieser sonst unscheinbare Held wurde nun zum Symbol für ebendiese Freiheiten der Städte, und bald standen Rolandstatuen in den vielen deutschen Städten.

"Roland war Symbol der städtischen Emanzipation und Freiheit", sagte Elmshäuser. "Weil die Rechte der Städte direkt vom Karl dem Großen kommen sollten, und nicht von einem adeligen Herrn." Wenn das Recht auf städtische Freiheit von einem adeligen Herrn stammen würden, könnte der Herr sie ja rückgängig machen.

Der Bremer Roland, den man heute sehen kann, ist die älteste erhaltene Rolandstatue der Welt. Ihr Vorgängerin, die Erzbischof Albert zerstörte, war aus Holz. Diese – die der Stadtrat 40 Jahre nach den Rückzug Alberts aufstellte – besteht aus Stein.

Die ostfriesische Teeparty

Die Boston Tea Party kennen Sie bestimmt. Sie gehört ja auch zu den wichtigsten Events der neueren Weltgeschichte. Als die amerikanischen Rebellen im 18. Jahrhundert englischen Tee in den Hafen von Boston kippten, um sich gegen die Politik ihrer englischen Herrscher aufzulehnen, war das der Auftakt zum Weg in die moderne Demokratie. Aber kennen Sie die ostfriesische Tea Party?

Dachte ich’s mir doch.

Seit die ersten Schiffe der niederländischen Ostindien-Kompanie 1610 Tee nach Europa brachten, war der ganze Kontinent von dem Getränk fasziniert – vor allem aber die Ostfriesen. Im späten 18. Jahrhundert – zur gleichen Zeit, als auch die Amerikaner anfingen, sich Gedanken über englischen Tee zu machen – avancierte Tee bei den Ostfriesen zum Getränk Nummer eins, denn er hatte einen enormen Vorteil gegenüber Bier (was man bis dahin wie Wasser getrunken hatte): Er war bedeutend billiger. Ob man damals schon den anderen klaren Vorteil von Tee erkannte – man kann ihn den ganzen Tag trinken, ohne ständig benebelt zu sein –, wissen wir nicht. Während der billige Tee für den Konsumenten ein Segen war, war er volkswirtschaftlich gesehen problematisch, denn er musste importiert werden. Über den erhöhten Teekonsum waren die Bierbrauer nicht glücklich und die Obrigkeit erst recht nicht, denn es flossen weniger Steuern in die Staatskasse. Ein erster Vorgeschmack auf die Schattenseiten der Globalisierung, doch Attac existierte leider noch nicht.

Also versuchte Friedrich II. von Preußen – dem Ostfriesland unterstand – die Globalisierung auf seine Art zu bekämpfen: nämlich mit Verboten. 1778 schrieb die preußische Regierung an die Auricher Landstände: »Der Gebrauch von Tee und Kaffee in hiesiger Provinzen ist so übermäßig, dass wir den schädlichen Folgen desselben Einhalt zu tun keinen weiteren Abstand nehmen können.«

Das ist einer dieser tollen deutschen Sätze, die offenbar irgendwas aussagen, aber was?
Ich rief die Leiterin des Ostfriesischen Teemuseums im Norden, Marion Roehmer, an. »Das ist eine Kanzleisprache, die heute heißen würde, dass die Durchsetzung dieser Maßnahmen keinen weiteren Aufschub duldet«, erklärte sie. »Das kommt einem Verbot gleich.« Hilfreich wie immer schlug die Obrigkeit vor, sich ersatzweise doch besser eine leckere Tasse Zitronenmelisse oder Petersilie aus dem Garten aufzubrühen. Gleichzeitig versuchte Friedrich, das Bierbrauen zu fördern.

Allerdings war das ein Trinkverbot, kein Verkaufsverbot. Tee konnte weiterhin verkauft, nur nicht mehr getrunken werden: Friedrich der Große, der scheinbar ziemliches Vertrauen in den Gehorsam seiner Untertanen setzte, hatte sich direkt an den Endkunden gewandt und erwartet, dass die regionalen Autoritäten das Verbot unterstützen würden. Dummerweise waren die regionalen Autoritäten auch alle Teetrinker.

»Die Domänenkammern haben das Verbot gar nicht erst durchgesetzt«, sagte Roehmer. (Das war nicht selbstverständlich – als Friedrich aus den gleichen Gründen in Preußen Kaffee verbot, sandten die lokalen Autoritäten in manchen Provinzen so genannte »Kaffeeschnüffler« von Haustür zur Haustür, um heimliche Kaffeetrinker in flagranti zu erriechen.)
Das Tauziehen zwischen Preußen und Friesland steigerte sich, bis die ostfriesischen Landstände eine Erklärung herausgaben, in der es hieß: »Der Gebrauch von Tee … ist hierzulande so allgemein und so tief eingewurzelt, dass die Natur des Menschen schon durch eine schöpferische Kraft müsste umgekehrt werden, wenn sie den Getränken auf einmal Gute Nacht sagen sollte.« Da lenkte der König von Preußen frustriert ein und erlaubte den Genuss des »chinesischen Drachengiftes« wieder – nur ein paar Jahre, nachdem er es verboten hatte.

(Das war nicht das letzte Mal, dass die Ostfriesen sich gegen die Obrigkeit stellten, um Tee trinken zu dürfen. Als ein paar Jahrzehnte später die Franzosen jeden Handel mit den Engländern verboten – also auch den Teeimport –, beindruckte das die Friesen auch nicht. Im Gegenteil, sie eröffneten ein ganz neues Marktsegment: Tee-Schmuggel. Plötzlich wurden alle Friesen dick, wenn sie von Reisen zurückkamen – unter dem Mantel trugen sie falsche Gürtel, vollgestopft mit Tee.Heute gehen die Globalisierungskritiker auf U2-Konzerte; damals tranken sie heimlich Tee, um ihrem zivilen Ungehorsam Ausdruck zu verleihen. Ob dazu auch verbotener ausländischer Streuselkuchen gereicht wurde, ist nicht mit hundertprozentiger Sicherheit bewiesen.) Das ganze ist zwei Jahre nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung passiert. Ob Friedrich während des Tauziehens wohl vor Augen hatte, wie es in Amerika ausgegangen war, als dort ein Herrscher versucht hatte, einem Volk seine Konsumgewohnheiten vorzuschreiben?

(Aus: "Deutschland-Quiz" von Eric T. Hansen)

Comments

Anonymous said…
Naja, ob das alles so richtig ist..
Anonymous said…
Seh ich auch so

Popular posts from this blog

DIE WACHABLÖSUNG

Absacker