NDR's "Hansen in der Hanse" Teil 6: Potpourri


"Hansen in der Hanse" - meine Mini-Mini-Serie auf NDR (hier klicken), jeden Montag abend ab 22:30 bei "KulturJournal. Ich fahre durch Norddeutschland und spiele mit den Menschen mein Deutschland-Quiz. Hier ein paar Extra-Texte - begleitend zur Serie - zum sechsten Teil "Potpourri":

"Deutsche Apothekensucht"

Die meisten Ausländer, die nach Deutschland kommen, fragen sich früher oder später hinter vorgehaltener Hand: »Was haben diese Deutschen nur mit ihren Apotheken? An jeder Ecke steht eine. Sind diese Leute ständig krank? So schlecht sehen sie gar nicht aus!«

Der Eindruck, die Deutschen hätten mehr Apotheken als Kita-Plätze, kommt nicht von ungefähr. In der Tat gibt es hier 26 Apotheken auf 100 000 Einwohner, in den USA gerade mal 18. Klar, dass das soziale Gesundheitssystem einen größeren Markt für Medikamente zulässt.

Doch das erklärt nicht alles. In den USA mit ihrem unsozialen Gesundheitssystem gibt jeder Amerikaner, ob versichert oder nicht, viel mehr Geld für Gesundheit aus als jeder Deutsche. Wenn es auf der Welt Hypochonder gibt, dann sind es wir Amis: Wir haben Pillen für Krankheiten, die die Deutschen noch gar nicht kennen. Nein, es muss an den Apotheken selber liegen.

Ist es möglich, dass tief in der deutschen Seele noch die Erinnerung an die andere, ursprüngliche Bedeutung dieser Einrichtung schlummert? Dass dieser Ort etwas verspricht, was Deutsche magisch anzieht? Etwas Altehrwürdiges, Mysteriöses, Wunderbares? Zum Beispiel … Süßigkeiten?

Die Vorläufer der Apotheker waren die Gewürzhändler, die zwischen medizinischen Heilkräutern und Luxusgewürzen keinen Unterschied machten. In den frühesten Apotheken wurde neben Heilkräutern auch Zucker verkauft. Die Araber benutzten ihn als Heilmittel, die Europäer auch – gegen Fieber, Reizhusten, Schmerzen in der Brust, sogar gegen die Pest. Da bekommt der Ausdruck »bittere Medizin« doch gleich eine ganz andere Bedeutung. Echte Medizin muss süß sein.

Jahrhundertelang, bis es Konditoreien gab, war die Apotheke nicht nur für Genesung zuständig, sondern auch für Genuss. (Man kann natürlich argumentieren, dass Genuss auch eine Art Heilung darstellt. Viele Frauen greifen bei akutem Liebeskummer recht erfolgreich zu Schokolade.) Selbst Lebkuchen, obwohl nicht direkt dort zu haben, war nur machbar mit exotischen Gewürzen aus der Apotheke, von Soda, Hirschhornsalz und Pottasche ganz zu schweigen.

Neben Kaffee war auch Tee anfangs nur dort erhältlich – um diverse Krankheiten zu heilen sowie den Körper zu »kräftigen«. Als Schokolade ihren Weg von Südamerika nach Europa fand, landete sie – na, wo wohl? – als Krafttrunk in der Apotheke. Auch Marzipan war im Mittelalter nur bei Apothekern zu kriegen, natürlich unter dem Stichwort »kräftigend«. Und wenn die Apotheker damals »kräftigend« sagten, meinten sie vor allem jene Organe, die zur Verwirklichung von Nachkommenschaft sowie Zufriedenstellung der Ehefrau notwendig waren.

(Aus: "Deutschland-Quiz" von Eric T. Hansen)


"Kirchenkritik zu Hansezeiten"

Das Verhältnis der Deutschen zur Kirche erstaunt mich immer wieder.

Auf der einen Seite gibt es eine unglaublich anachronistische Verschmelzung von Kirche und Staat. Während die meisten demokratische Staaten eine Trennung von Kirche und Staat anstreben, sitzen die Kirchen in Deutschland auf Einladung des Staates bei Rundfunkanstalten und den Kulturfördergremien in den obersten Etagen, und der Staat vergibt einen großen Teil seiner sozialen Aufgaben an die Kirchen weiter. Ich kann mich nie entscheiden, was undemokratischer ist: dass der Staat für die Kirchen Steuer eintreibt, oder dass der Staat die Kirchen einlädt, in den Schulen mitzumischen.

Trotz alledem gehen die Deutschen kaum in die Kirche, und innerhalb des allmächtigen Bildungsbürgertums und in den Medien wird über die Kirchen dermaßen kritisch hergezogen, dass man meine könnte, sie werden vom Teufel leibhaftig geführt.

Letztens hatte ich ein Gespräch mit einem gebildeten jungen Mann, der sagte, die Kirchen seien an alle Kriege der Welt schuldig. Als ich ihn fragte, wie viele Kriege in Deutschland denn von den Kirchen ausgegangen waren, konnte er nur den Dreißigjährigen Krieg nennen. Als ich fragte, wie viele deutsche Kriege von der politischen Obrigkeit ausgingen, war die Liste endlos. Trotzdem blieb er überzeugt, dass die Kirchen abgeschafft werden müssten – die moralische Bildung des Volks und solche Aufgaben könne der Staat übernehmen. Nach den Erfahrungen mit Hitler und der DDR hätte ich gedacht, die Deutschen würden das eher anders sehen. Merkwürdig, diese Deutschen.

Dr. Rolf Hammel-Kiesow, Professor an der Uni Kiel und stellvertretender Archivleiter in Lübeck, erzählte mir eine schöne Geschichte über Kirchenkritik in der Hanse – allerdings nicht aus pazifistischen Gründen, sondern aus rein wirtschaftlich/ökonomischen Gründen:

Kirchengebäuden im Mittelalter dienten nicht als Gebäuden für den Gottesdienst, wie heute. Sie waren immer auf und dienten auch als Räume für öffentliche Versammlungen und als Markt. Ratsherren haben sich dort aufgehalten und beraten, man ließ dort von den gebildeten Kirchendienern und anderen Briefe schreiben, etc. Eine Kirche war ein öffentlicher Raum.

Dazu kommt es, dass aufgrund der spezifisch mittelalterlichen Frömmigkeit dort Tag und Nacht Messen gelesen würden – zum Beispiel für Verstorbenen. Oft wurden in den verschiedenen Seitenkapellen mehrere Messen gleichzeitig gelesen. Bei all dem Treiben ist es nicht verwunderlich, dass es in den Kirchen manchmal laut wurde.

Immer wieder findet man heute beim Durchstöbern der mittelalterlichen Archiven schriftlich Klagen, dass es in der Kirche zu laut ist. Meist sind es Priester, die sich gezielt beim Stadtrat beschweren, dass die Kaufleute bei ihren Geschäften zu viel Lärm machten.

Doch in der Hanse hatte man wohl manchmal mehr Respekt vor Geld als vor Gott, und in Stralsund kam es mindestens einmal anders. Laut einer heute noch erhaltenen Dokument haben sich die Gewandschneider über die Priester in der Nikolaikirche beschwert: Sie würden bei der Lesung der Messe zu viel Lärm machen und stören ihre Geschäfte.

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