Chronik einer deutschen Teilhirnschmelze

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Diese Woche: Chronik einer deutschen Teilhirnschmelze

Freitag: Das viertstärkste Erdbeben der dokumentierten Geschichte und der damit zusammenhängende Tsunami zerstören große Teile von Japan und reißen möglicherweise über zehntausend Menschen in den Tod.

Freitag: Umweltminister Röttgen (CDU) versucht, mit heiteren Worten die Deutschen vom tragischen Leiden der Japaner abzulenken, indem er verkündet, worum es hier wirklich geht: Die AKWs in Deutschland seien sicher. Allein im März finden Landtags- und andere -wahlen in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, später auch in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Berlin statt. Der Wahlkampf ist eröffnet. Überall in Deutschland neigen Politiker den Kopf und danken still und heimlich den Japanern: Euer Opfer soll nicht umsonst gewesen sein.

Gott sei Dank hat Röttgen auf die Tragödie in dem weit entfernten Land aufmerksam gemacht, jetzt können sich auch die Protestpartien SPD und die Grünen informieren und reagieren. Sigmar Gabriel fordert einen sofortigen Stopp der Laufzeitverlängerungen für AKWs und Claudia Roth und Cem Özdemir verkünden, dass diese Tragödie ein weiterer Beweis dafür sei, dass Umweltminister Röttgen doof ist.

Freitag: Spiegel Online gibt das Titelblatt der montäglichen Printausgabe bekannt, auf dem die Schlagzeile prangt: „Das Ende des Atomzeitalters“. Von allen seriösen internationalen Zeitschriften hat Der Spiegel nach wie vor die beste und schnellste Kristallkugel.

Samstag: Meine Freundin rennt ins Bad:
Sie: „Hast du gehört? Es gibt schon drei Kernschmelzen in Japan.“
Ich: „Mein Gott! Vor einigen Minuten war es nur der Verdacht auf zwei Teilschmelzen.“
Sie: „Es steht aber so auf Spiegel Online.“
Ich: „Spiegel Online? Moment mal. Steht es so in den letzten Absätzen des Artikels oder nur in der Schlagzeile?“
Einigen Minuten später kommt sie wieder.
Sie: „Dass es definitiv drei Kernschmelzen gibt, steht nur in der Schlagzeile! Gott sei Dank, es ist erst mal nur ein Gerücht.“

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