Tuesday, September 20, 2011

Ein uralter Ritual


Ein Amerikaner kennt das – das uralte Ritual des “weak president/strong president”.

So funktioniert es:

Ein Kandidat erklärt im Wahlkampf seinen Wählern, das Problem mit Washington sei, dass jede Partei nur auf die eigene Vorteile schielt und nicht zusammen für das gemeinsame Wohl arbeitet. Washington muss seine Polarisierung überwinden, die verschiedenen Faktionen sollen ihre Arme zu einander ausstrecken – über den Gang hinweg, den sie trennt: “accross the aisle.”

Meist ist das ein Demokrat, der das sagt, aber nicht immer. Obama hat es gesagt, auch Reagan. Beide haben es auch erstaunlicherweise ernstgenommen (Bush hat es zum Beispiel nie ernst genommen).

Dann kommt das rüde Erwachen: Keiner hat die leistete Absicht, “über den Gang” hinweg zusammenzuarbeiten. Es sind ja Politiker, ja, was glauben Sie denn? Das ist mit Obama passiert (aber nicht mit Reagan – er konnte wunderlicherweise gut mit den Demokraten umgehen; er war ein Ausnahmetalent).

Man hat anfangs von Obama geglaubt, er könne die beiden Seiten zusammenbringen, Kompromisse erreichen,Gemeinsamkeiten hervorkehren. Er wohl auch. Das ist ihm nicht gelungen.

Dann kommt die nächste Phase: Die Wähler entscheiden sich, das wahre Problem mit Washington sei nicht, dass die beiden Seiten nicht zusammenarbeiten können, sondern, dass der Präsident schwach sei.

Die Amerikaner haben kaum keine grössere Angst als vor einem schwachen Präsidenten. Seit unserer Auseinandersetzung mit England 1776 hängt einen Menge unserer Erwartungen an einem Präsidenten mit “Stärke” zusammen – er soll stark genug war, seinen Feinden den Stirn zu bieten. “A weak president” - stellen Sie sich vor, Jürgen Fliege statt Sylvester Stallone in der Rolle von Rambo.

Das ist mit Carter passiert. Zum Beweis, dass er nicht schwach war, schickte er eine Rettungsteam per Helikopter nach Iran, um die Geiseln mit Gewalt zu befreien. Die Hubschrauber stürzten ab. Aus war mit Carter.

Jetzt versucht Obama, den harten Mann zu markieren. Er hat damit gedroht, wenn Kongress einen höheren Steuersatz für Reiche genehmigt, wird er bei jedem anderen Kompromiss ein Veto einlegen.

Es wird Zeit. Vielleicht aber auch zu spät. Ihm hängt schon das Aura des Jürgen Fliege an. Und die Republikaner sind wie Hyänen – sie riechen den verwundeten Antilopen.

Und sie haben eine Menge Ausdauer.

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