Warum hat Deutschland kein Steve Jobs?

Warum hat Deutschland – das Land, das die MP3-Format entwickelte, die zur Grundlage von iTunes und iPod wurde - kein Steve Jobs?

Die Antwort: Steve Jobs machte weder Kultur noch Politik, sondern Produkte. In Deutschland werden Produkte als leicht schmutzig erachtet – kommerziell, nicht edel, wie Politik oder Kultur. Das ist der Grund, warum Deutschland immer ein wenig hinter Amerika (und Japan) bleibt: Die besten Hirne des Landes konzentrieren sich darauf, in Cafes rumzusitzen und Sprüche von sich zu geben, statt einen cooleren Computer zu entwickeln.

Dabei üben Produkte mehr kulturellen Einfluss auf unser Leben auf als jeder neue „Jahrhundertfaust“ in der Volksbühne.

Hier, während wir alle um einen Mann trauern, der die Probleme der Welt weder löste noch lösen wollte, sondern nur schickere Computer designen, was zum Lesen aus „Planet Germany“:

Produkte haben zwar auf beiden Seiten des Atlantiks praktisch genau die gleiche Bedeutung im Alltagsleben, doch hier- zulande werden sie nicht gefeiert. Ein Produkt zu ehren, auf ein Podest zu heben, ein kulturelles Werk nach ihm zu nennen – das wäre unter deutschem Niveau.

Warum wohl gibt es keinen deutschen Humphrey Bogart? Weil der Deutsche zwar raucht wie ein Schlot, die Zigarette selbst würde er jedoch nie in Szene setzen. Warum kann es nie einen deutschen Matrix geben? Weil ein deutscher Schauspieler zwar eine Sonnenbril- le tragen, aber sich nie von ihr die Schau stehlen lassen könnte. Kitschige Filme über friedliche Indianer oder Verbrecher im Londoner Nebel, ja. Klamauk mit Peter Alexander oder Heinz Erhardt, kein Problem. Eine Zeichentrickreihe über einen Motorrad fahrenden Säufer, der sich regelmäßig über- gibt? Klar doch. Aber ein lebendiges Auto? Verzeihung, wir sind eine Kulturnation.

Wir Amerikaner finden in Produkten Sinn. Wenn Bruce Springsteen in seinem verzweifelten Liebeslied Thunder Road seine ganze »Erlösung« von seinem Auto abhängig macht, meint er das ernst:

All the redemption I can offer, girl, is beneath this dirty hood. (Nur eine Erlösung habe ich zu bieten, Mädel, und die steckt unter dieser verdreckten Motorhaube.)

Die Deutschen akzeptieren zwar Bier, Brezeln und Bratwurst als nationale Symbole, doch nie würden sie à la Springsteen singen:

„Nur eine Erlösung habe ich zu bieten, Mädel, und die steckt in diesem leckeren Sieben-Minuten Pils.“

Wir können nichts dafür: Wir lieben Produkte einfach. Wir lieben es, wie sie verpackt sind, wie sie aussehen und was sie im Unterschied zu konkurrierenden Produkten alles können. Wir ahnen, wie viel irgendwer hineininvestiert hat, wir be- wundern, wie phantasievoll es vermarktet wurde, und hoffen, jemand ist damit reich geworden. Die Spartaner liebten den Krieg, die Phönizier liebten den Handel, wir lieben Produkte.

Ein Großteil unserer starken Wirtschaft verdanken wir eben dieser Tradition der Produktverehrung. Für uns sind Erfinder keine Tüftler oder Spinner, sondern gesegnete Menschen, beflügelt vom göttlichen Funken der Inspiration. Er- finden ist für uns ein kreativer Prozess. Der Erfinder in seiner Garage hat bei uns den gleichen Rang wie hier der Arme Poet in seiner Dachkammer in dem Gemälde von Spitzweg. Es gibt keinen Amerikaner, der nicht gerne die Post-Its, den Reißverschluss oder gar die Sicherheitsnadel erfunden hätte. Unsere Popkultur ist voller kleiner Liebeserklärungen an den Erfinder, von Daniel Düsentrieb bis hin zur Zurück in die Zukunft-Filmreihe.

Benjamin Franklin war einer unserer wichtigsten Gründungsväter. Er hat die Franzosen dazu überredet, uns im Krieg gegen England zu unterstützen, und ohne sie hätten wir vermutlich nicht gewonnen. Doch wen kümmert das? Ich gähne schon, während ich diese Zeilen schreibe. Wenn das Gespräch auf Benjamin Franklin kommt, wollen wir wissen, wie er die Elektrizität zähmte und den Blitzableiter erfand. Wir wollen die Geschichte hören, wie er, als seine Augen schlechter wurden, die bifokale Brille erfand. Oder wie er, zu einer Zeit, als man die Häuser noch mit offenen Kaminen heizte, die viel Holz verbrauchten, den äußerst effizienten eisernen Franklin-Ofen baute. Als Postmaster organisierte er noch dazu die Postlogistik zwischen den Kolonien, er etablierte die erste Feuerwehr, die erste Feuerversicherung und erfand noch vieles mehr. In der Zeichentrickserie Futurama ist die stolzeste Erfindung des verrückten Professor Farnsworth ein langer Stab, mit dem man den Fernseher vom Sessel aus bedienen kann. Dieser Witz ist eine kleine Hommage an Benjamin Franklin. Eine seiner letzten Erfindungen war ein Stab mit einem beweglichen Griff am Ende, damit er Bücher aus hohen Regalen holen konnte, ohne im Alter noch auf die Leiter steigen zu müssen. Der Tod hat es gerade noch geschafft, ihn zu holen, bevor er das Geheimnis der Unsterblichkeit entschlüsseln konnte.

Der ultimative amerikanische Erfinder Thomas Alva Edison, auch »Zauberer von Menlo Park« genannt, hat 1093 Patente angemeldet: unter anderem ein Mikrophon, das man für Telefone einsetzen kann, den Phonograph, den 35-mm- Film, den Börsenkursanzeiger und, am allerwichtigsten, eine vermarktungsfähige Glühlampe. Nicht die Glühbirne selbst geht auf ihn zurück, sondern dieses ganz einfache Gewinde, mit dem selbst ein Kind sie in die Lampe schrauben konnte. Erst dadurch war sie serienreif und elektrisches Licht kam in jedes Haus. Ein paar Tage nach seinem Tod wurden zu seinen Ehren eine Minute lang alle Glühlampen in den USA gedimmt. Noch heute feiern wir den National Inventor’s Day an seinem Geburtstag.

Diese Menschen waren mehr als Erfinder. Sie waren Stars. Sie genossen eine gesellschaftliche Stellung, die ihnen erlaubte, die amerikanische Mentalität mitzuprägen. Sie waren Gesandte einer Erfinderphilosophie. Franklins Weisheiten werden seit Generationen bis zum Überdruss von amerikanischen Vätern wiederholt und von amerikanischen Söhnen gehasst: »Früh ins Bett und früh heraus macht dich gesund, reich und schlau.« Edisons Sprüche klingen noch nach in den Reden unserer Präsidenten: »Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration.« Wenn der Name Thomas Alva Edison erklingt, hören wir tief in uns eine leise Stimme, die uns zuflüstert: So soll ein Amerikaner sein.

… in Deutschland herrscht ein heimliches Verbot, Produkte und Erfinder auf ein Podest zu heben. Unser National Inventor’s Hall of Fame nennt 221 Erfinder, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Die Erfindergalerie des Deutschen Patent- und Markenamtes nennt 17 Namen, und eine Erweiterung der Website ist nicht in Sicht. Wenn ich auf Amazon.de den Namen »Gottlieb Daimler« eintippe, bekomme ich 19 Buchtitel. Der Name »Henry Ford« bei Amazon.com bringt 791 Treffer und dazu den Verweis, dass weitere 23936 Titel über Thomas Edison zur Auswahl stehen. Als Amerikaner kann ich so was nur »neurotische Verdrängung der eigenen Konsumkultur« nennen und warnend darauf hinweisen, dass die Deutschen einen Preis dafür zahlen. Junge Menschen hierzulande, die ein Talent zum Erfinden oder Entwickeln von Produkten hätten, bekommen die deutliche Botschaft vermittelt: Produkte sind eure Liebe nicht wert.

Comments

Anonymous said…
Schöner Artikel.
In Bhutan misst man übrigens nicht mehr das BIP sondern den "nationalen Glücksfaktor".
Was ich damit sagen will: Konsum ist schön, aber nicht alles.
Sie verherrlichen ein wenig den Konsumrausch der westlichen Welt. Es fragt ja kaum mehr jemand wozu der ganze Kram eigentlich nützlich sein soll. Hauptsache man besitzt es.
Man kann den Spies also auch umdrehen. Die Amerikaner sind einfach in mehr oder weniger sinnvolle/sinnlose Spielereien verliebt. Damit kann man sein Leben vertrödeln. Man kann es auch sinnvoll nutzen....!
Anonymous said…
Schöner Artikel.
In Bhutan misst man übrigens nicht mehr das BIP sondern den "nationalen Glücksfaktor".
Was ich damit sagen will: Konsum ist schön, aber nicht alles.
Sie verherrlichen ein wenig den Konsumrausch der westlichen Welt. Es fragt ja kaum mehr jemand wozu der ganze Kram eigentlich nützlich sein soll. Hauptsache man besitzt es.
Man kann den Spies also auch umdrehen. Die Amerikaner sind einfach in mehr oder weniger sinnvolle/sinnlose Spielereien verliebt. Damit kann man sein Leben vertrödeln. Man kann es auch sinnvoll nutzen....!
Anonymous said…
Ich nochmal (ich hoffe ich falle Ihnen nicht auf die Nerven).
Die Technikaffinität der Amerikaner ist ja berühmt. Sie wird in vielen Reiseführern angepriesen. Für sich genommen ist sie sicher hübsch.
Aber ich denke heutzutage geht sie gern auch konform mit der (beinahe krankhaften) Kapitalismusgeilheit vieler Amerikaner.
Insgesamt wäre es doch sinnvoller von dieser Konsumversessenheit die es in weiten Teilen der westlichen Welt gibt runterzukommen.
Star Trek ist typisch amerikanisch und absolut liebenswert. Interessanterweise wird dort kein Kapitalismus gepredigt.
Viele Amerikaner (und leider auch eine sehr große Zahl an Deutschen/Europäern) scheinen der Meinung zu sein, dass ein Mensch der sich täglich sein Mac Menü bestellt ein glücklicher Mensch sein muss.
Das ist einfach armselig. Die Menschen hängen an einem teilweise in praktisch Bewusstlosigkeit praktiziertem Konsumwahn. Wenige Menschen fragen noch nach gutem Essen. Nach Essen das schmeckt. Das raffiniert zu bereitet wurde. Stattdessen fühlt man sich schick und modern einen Big Mäc reinzuschauffeln und auf seinem Iphone sinnlos rumzudaddeln.
Man muss kein Kulturpessimist sein um das zu kritisieren. Das menschliche Leben sollte aus mehr bestehen als aus sinnlosem Konsumwahn!

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