4. “Amerika ist doch ein großer Kontinent”

Seit einigen Jahren geht in Deutschland das pseudo-linguistische Gerücht um, dass der Begriff „Amerikaner“ für einen Bewohner der USA unzulässig ist, weil ja auch Bolivien Amerika sei. Korrekt sei daher „US-Amerikaner“.

„Woher kommen Sie denn?“ fragt der Deutsche gewöhnlich, sobald er meinen Cowboyhut, meinen starken amerikanischen Akzent und die auf meine Brust tätowierte US-Fahne wahrnimmt. „Aus Amerika“, sage ich, voller Stolz. „Amerika ist ein großer Kontinent“, sagt er dann. „Sie wollen doch nicht sagen, dass Ihnen der ganze Kontinent gehört. Das würde die anderen Völker, die dort leben, beleidigen. Kommen Sie aus dem amerikanischen Brasilien? Aus dem amerikanischen Peru? Aus dem amerikanischen Haiti?“

Das hat mir die Augen geöffnet. Stimmt: Ganz schön arrogant sind wir Amis! Kurz darauf fand ich mich in einem Tandoori-Restaurant wieder und fragte den Kellner, „Woher kommen Sie denn?“ „Ich bin Inder“, sagte der. Da meinte ich: „Der indische Subkontinent ist aber groß, da leben viele Völker. Kommen Sie aus dem indischem Pakistan, aus dem indischem Bangladesch oder aus dem indischem Indien?” Ich bekam keine Antwort. Auch keinen Mangoschnaps mit der Rechnung.

Der Begriff „Amerika” bezeichnet laut Duden 1) einen Kontinent sowie 2) das Land USA in Kurzform. Welche Bedeutung gemeint ist, geht aus dem Kontext hervor. Redet man über einen Kontinent, ist der Kontinent gemeint. Redet man über eine Nationalität, ist das Land gemeint. Es gibt nur ein Land mit „Amerika“ im Namen, so ist keine Verwechslung möglich.

Die Frage, “Woher kommen Sie?” zielt auch nicht auf den Kontinent, sondern auf die Nationalität. Auch wenn ein Deutscher gefragt wird, woher er kommt, sagt er nicht „Eurasien“. Ein Kontinent hat auch keine eigene Sprache, Währung oder Wirtschaft. Wenn man von solchen Themen spricht, oder von „dem amerikanischen Präsidenten“, errät man leicht, dass damit das Land gemeint ist, nicht den Kontinent. Der Begriff „US-amerikanisch“ ist daher eine Tautologie.

Der modische Begriff „US-Amerikaner“ ist in Wahrheit eine fadenscheinige Ausrede, den blöden Amis wieder mal zu beweisen, dass sie ein arrogantes Pack sind. Deshalb gilt das Argument ja auch nur für Amis, nicht für Inder oder Iren oder Samoaner oder andere.

Das Problem damit ist nicht, dass es linguistischer Unsinn ist, sondern, dass es die eigene Kleingeistigkeit zur Schau stellt. Wer sich hinter einem pseudo-linguistischen Argument verstecken muss, kann man nicht ernst nehmen. Meine Empfehlung: Wenn Sie einem Amerikaner sagen wollen, dass er ein arrogantes Schwein ist, sagen Sie es ihm ins Gesicht. Das ist ehrlicher, weniger lächerlich und erfordert auch ein Mindestmaß an Mut.

Comments

Anonymous said…
Wenn ich einen Menschen frage woher er kommt und er antwortet dann: "Ich bin Amerikaner!".
Dann frage ich gerne: "Und woher genau kommen Sie?".
Würde er so antworten wie Sie hier wäre ich schwer beleidigt.
Ich wollte schließlich nur wissen ob er/sie aus Texas, Pennsylvania oder Kalifornien kommt.
"Die Amerikaner" gibt es schließlich gar nicht...!
Und viele Amis legen Wert darauf nicht mit dem Rest der Amis in einen Topf geschmissen zu werden.
Welcher Einwohner von San Francisco legt denn Wert darauf für einen Texaner gehalten zu werden?
Und umgekehrt!

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