Warum schauen wir Amis keine synchronisierten Filme?

Marcus fragte, warum Amerikaner keine synchronisierte Filme, nur selten untertitelte Filme gucken und lieber gute ausländische Filme neu drehen, anstatt sie im Original anzugucken?

Ich habe 15 Jahre in Filmjournalismus hier in Deutschland gearbeitet und mich diese Frage immer wieder gestellt, und es gibt eine ganze Reihe von Antworten:

1. Wir schauen synchronisierte Filme grundsätzlich nicht. Wir sind einfach nicht daran gewöhnt, und da merken wir (und können nicht übersehen), dass die Worte nicht zu den Lippenbewegungen passen. Als ich nach Deutschland kam dauerte es echt ein Jahr, bis ich irgendwas im Deutschen Fernsehen laenger als fuenf Minuten schauen konnte: Merkt denn keiner, dass sie etwas anderes sagen, als was man hoert?

2. Dazu kommt, dass wir großen Wert auf Stimme legen. Das ist ein großer Geheimnis der amerikanischen Schauspielerei: Die Stimme genießen wir fast ebenso wichtig wie das Gesicht. Das kommt aus der Tradition der „Method Acting“, in der jeder Schauspielre versucht, möglichst einzigartig zu sein. Das bedeutet auch, dass man viel nuschelt – wie im richtigen Leben. Eigene Arten zu sprechen und das Nuscheln, das erscheint uns realistisch. Synchronsprecher kriegen das nicht hin. In Deutschland kennt man „Method Acting“ nicht, man legt großen Wert auf eine Art standardisierte Schauspielerei und standardisiertes Sprechen. Nicht nur in der Schauspieler, auch im richtigen Leben: Deswegen gibt es „Hochdeutsch“, ein Phänomen, den es in den meisten anderer Ländern nicht gibt. Synchronsprechen ist eine Art Standardisierung, die wir Amis als „künstlich“ erleben.

3. „Ausländische Filme“ werden in Amerika oft gesehen, öfters als die Deutschen glauben, aber nur mit Untertiteln (damit die Texte zu den Lippenbewegungen passen). Sie müssen aber etwas bieten, was wir sonst nicht haben. Kung Fu-Filme können wir Amis nicht machen, zum Beispiel, sie werden importiert. Auch die großen intellektuellen Filme aus Europa der 60er und 70er – diese kurze Glanzzeit des europäischen Kinos hat uns damals fasziniert, und das hat auch eine Art Standard für uns gesetzt. Aus Europa heute erwarten wir intellektuell herausfordernden Filme. Nur, Europäer drehen heute nur selten intellektuell herausfordernden Filme.

4. Die intellektuellen europäischen Film der 60er und 70er haben auch ein Standard gesetzt für „Untertitelfilme“ – sie gelten als intellektuell und es gehen in Amerika nur Intellektuelle rein. (Das stimmt nicht ganz – in den 70ern sind wir in untertitelte Kung Fu-Filme reingegangen, das war auch nicht intellektuell). So haben untertitelte Filme den Ruf, nur für versnobte, elitäre, Möchtegern-Intellektuelle interessant zu sein. Das ist in Amerika nicht nur ein enges Publikum, es ist auch irgendwie dreckig – viele Amis wollen elitär bzw. Snobs sein, wissen aber, dass das in Amerika verpönt ist.

5. Dennoch weißt jeder in Hollywood, dass es im Ausland immer noch gute Ideen gibt. Produzenten schauen immer wieder ins Ausland für gute Filme und gute Talente. Deshalb arbeiten auch so viele Deutsche in Hollywood, nach wie vor. Auch Themen: von TV Shows wie „The Office“ bis Blockbuster grasen wir oft das Ausland ab und setzen es in Hollywood neu um. Mit einem Film mit authentischen Original-Stimmen und mit einer hochwertigen Hollywood-Produktion kann man ein größeres Publikum anziehen al mit einem untertitelten Film.

6. Dazu kommt, dass es für uns Amerikaner selbstverständlich ist, dass wir Filme aus unserer eigenen Produktion gucken. Film ist ein Teil der Kultur, er ist ein Spiegel, der wir uns vorhalten. Ein Spiegel aus einer andere Kultur reflektiert nicht uns, sondern die andere Kultur. Wir sind immer wieder erstaunt, dass vielen Länder ihre eigene Filmkultur gar nicht haben. Wir fragen uns, warum machen die Deutschen keine Filme machen, die die Deutschen selber gern angucken? Deutschland produziert im Jahr so viel Filme wie Amerika, aber niemand außer einer kleinen Handvoll wollen die Filme angucken. (Ich weiß inzwischen, dass das Absicht ist – die Filmemacher wollen filme für eine vermeintliche Elite machen und lehnen deshalb ein breites Publikum ab – und kriegen auch keine Elite.) Offenbar hat Deutschland alle Mittel, um Publikumsfilme zu machen – wir Amis produzieren ja Filme in Deutschland mit deutschem Geld und mit deutschem Talent, also könnten die Deutschen es auch tun, wenn sie es wollten. Stattdessen schaut das deutsche Publikum amerikanischen Filme konsumieren damit nicht ihre eigene Kultur, sondern unsere. Es ist uns ein Rätsel, warum die Deutschen ihre eigene Kultur und ihr eigenes Publikum auf diese Weise verachten.


Comments

Anonymous said…
Ich sehe gerne deutsche Filme, leider laufen sie nur selten zu praktischen Zeiten im Kino.

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