Von Pegida bis „Mehr Verantwortung”: die Deutschen sind immer die Opfer

In einer anderen FB-Post kam zur Sprache, dass die Deutschen als einer der reichsten, privilegiertesten und mächtigsten Länder der Welt auch mehr Verantwortung in der Welt übernehmen müssen. Als Antwort darauf kam die bekannte Klage, dass man mit „mehr Verantwortung übernehmen” im Wirklichkeit meint, Deutschland solle sich mehr an amerikanischen kriegen beteiligen. Sogar dieser Satz kam: “Warum sollte ich meine Söhne für einen Krieg der USA opfern?“

Ich kenne schon lange dieses Argument und das erste Mal, als ich es hörte, war ich auch kurz von der moralischen Empörung beeindruckt. Nur kurz, denn die Empörung ist natürlich fake, es ist eine vorgespielte, künstliche Empörung, ein falscher Pathos, der nur dazu dient, sich aus der Affäre zu ziehen.

Was in Deutschland mit „mehr Verantwortung“ wirklich gemeint ist, hat Deutschland seit der Ukraine-Krise vorbildhaft bewiesen: Deutschland als die führende Nation der EU hat zu einem großen Teil die diplomatischen Bemühungen übernommen und mit ökonomischen Sanktionen Russland friedlich in die Knie gezwungen. Man kann sogar sagen, die selbstbewusste, zurückhaltende aber bestimmte Haltung der Bundespolitik ist in diesem Fall zukunftsweisend. Mit Kriegen, geschweige denn mit „amerikanischen Kriegen“, hat „deutsche Verantwortung“ nichts zu tun.

Es erstaunt mich immer wieder, wie die Deutschen sich einbilden können, die Amerikaner wollen ausgerechnet ihre Söhne ständig in irgendwelchen Kriegen verbraten. Aus der Geschichte kann das nicht kommen – es kann eigentlich nur Einbildung sein.

Von den 15 aktuellen Bundeswehreinsätzen hat nur eine – Afghanistan – mit den USA zu tun. Auch in der Vergangenheit hat Deutschland (mit dieser einen Ausnahme) nie an amerikanischen Kriegen beteiligt, obwohl sie von jedem Krieg der Amerikaner profitiert haben, angefangen mit dem Wirtschaftswunder, der durch den Koreakrieg zustande kam. Immer wieder haben sich die Deutschen geweigert, mit den Amerikanern mitzumachen, sodass es zu Zerwürfnissen zwischen fast allen Bundeskanzlern und fast allen Präsidenten kam (der lautstarke Streit im Weißen Haus zwischen LBJ und Erhard, weil Erhard eine Beteiligung im Vietnam mit dazugehöriger Verfassungsänderung ablehnte, ist legendär – und das nur 17 Jahre nach der Luftbrücke).

Wenn es für die Deutschen schon damals als besetztes Land so selbstverständlich  war, amerikanische Wünsche abzulehnen, ist es umso leichter jetzt, wo Deutschland zu den fünf führenden Ländern der Welt gehört. Das Argument, „mehr Verantwortung bedeute den Amis ihre Kriege führen“, ist so fadenscheinig, dass es wehtut.

Es ist auch typisch. Zum Kern der deutschen Identität gehört der unerschütterlicher Glaube, dass Deutschland das Opfer anderer Länder oder anderer Kulturen ist. Das ist die Grundlage, auf der dieses Argument fußt. Es ist nicht zufällig die gleiche Grundlage, auf die die Pegida-Bewegung steht. Ob die Deutschen ihre Eigenständigkeit verlieren, weil sie „amerikanisiert“ werden, weil sie „eine Kolonie“ der USA sind und „amerikanische Kriege“ führen müssen, oder weil sie Wurst aus Kentucky essen müssen, oder ob sie ihr Deutschtum verlieren, weil sie „turkisiert“, polonisiert“, „islamisiert“, oder gar „von den Juden überfremdet“ werden, es ist der gleiche Gedanke: Die Deutschen sind immer die Opfer, ihnen will immer jemand etwas wegnehmen oder sie zu etwas zwingen. Ein Psychologe würde eine solche selbstmitleidige, egozentrische Einstellung bei einem Kleinkind erwarten, aber nicht bei einem Erwachsenen.

Historisch kann man die Entwicklung dieser Gedanken vom 30-Jährigen Krieg über die französischen Kriegen über das Dritte Reich bis hin zu den „Kulturimperialismus“-Theorien der 68er bis heute klar sehen. Zu manchem Zeiten war Deutschland auch tatsächlich „Opfer“ - im 30-jährigen Krieg, zum Beispiel. Das ist übrigens normal für jedes Land – irgendwann müssen wir alle unsere Grenzen verteidigen. Heute ist Deutschland aber alles andere als ein Opfer.

Die Deutschen profitieren mehr von der TTIP als die Amis, stellen sich aber als deren Opfer dar. Sie zwingen ganz Europa eine Sparpolitik auf, unter die die anderen Europäer leiden, stellen sich aber als Opfer der EU und der griechischen Gier dar. Die Amis sagen einmal: „He, wir haben die Nase voll, immer eure Interessen in der Welt durchzusetzen, es wird Zeit, dass ihr nicht mehr auf unser Rücken reich werden, sondern, dass ihr mal eure eigenen Interessen selber verteidigt“ – und schon wieder sind die Deutschen die Opfer. Egal was passiert, egal wie reich, mächtig und privilegiert die Deutschen werden, sie leiden immer mehr als die anderen.


Solche „wir sind Opfer“-Sprüche kommen gut in Deutschland an, weil die Deutschen sich in Selbstmitleid vergehen können und müssen sich dabei keine Gedanken über ihre Stellung in der Welt und was sie der Welt schulden. Aber nach außen wirken solche geheuchelte Sprüche nur beschämend.

Comments

Anonymous said…
das wehleidige, nörgelnde Verhalten ist meiner Meinung nach gesellschaftsfähig in diesem Land. Der der die meiste Angst empfindet und die schrecklichsten Teufel an die Wand malen kann hat am meisten Recht.

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