Monday, March 30, 2015

Kommt Sensationsjournalismus aus Amerika? Sind Amerikaner zur Selbstkritik unfähig?

Wie das so ist, wenn ein Ami (das bin ich) die deutsche Medienwelt kommentiert, bekommt er diese beiden Vorwürfe zu hören: Deutschlands Medien sind nur so schlimm, weil Amerika macht sie so, und die Amis wissen nichts über die Sünden ihrer Vergangenheit (Sklaverei/Indianer), weil ihre Medien eben so schlimm sind. Diese Vorwurf kam auch in meinem FB-Post "Ist Andreas Lubitz schuld oder die Bild Zeitung?" vor. 

Hier meine Antwort:
Es ist schon richtig, dass Amerika ein Problem mit unseriöser Berichterstattung hat. Es kann auch sein, dass insgesamt weniger Amerikaner an Nachrichten interessiert sind als Deutsche (?). Das alte Klischee, Sensationsjournalismus komme aus Amerika nach Deutschland, stimmt aber nicht. Ich bezweifele auch ernsthaft, dass es jemals eine Zeit in Deutschland gab, in der es kein Sensationsjournalismus gab. Hier ein paar Eckdaten:
- Die Bild Zeitung wurde 1959 gegründet auf dem Vorbild einer britischen, nicht einer amerikanischen Boulevardzeitschrift (die Daily Mirror - seit 1903).
- Amerika hat im Printbereich keine Entsprechung zur Daily Mirror/Bild, nur im TV-Bereich: Fox News. Tägliche Fox News-Zuschauer: 2 Million. Tägliche Bild-Zeitung-Leser: 2,5 Million.
- Das meistgelesene Zeitung in den USA ist die Wall Street Journal, gefolgt von den New York Times. Die meistgelesene Zeitung in Deutschland: Bild.
Zum Thema amerikanische Selbstkritik: Selbstverständlich wird unsere Geschichte in Bezug auf Sklaverei und die Ermordung und Enteignung der Indianer aufgearbeitet, und zwar wahrscheinlich noch mehr als die Nazi-Vergangenheit in Deutschland.
Es fängt in der Schule an, ist immer in den Medien und in der Politik präsent und wird regelmäßig in der Popkultur verarbeitet. Man kann die Zeitung oder Facebook nicht aufschlagen, ohne eine Diskussion über Rassismus (als Erbe der Sklaverei) mitzubekommen, auch über den Umgang mit den Indianer-Nationen und ihre Halbsouveränitaet (wenn etwas weniger als Sklaverei/Rassismus).
Siehe die Liste der Oscar-Anwärter jedes Jahr: Da ist immer ein Film über Sklaverei oder Rassismus dabei: „Selma“, „12 Years a Slave“ und „Der mit dem Wolf tanzt“ sind keine einsame Ausnahmen: Nur die wenigsten Bücher und Artikel/Themen schwappen aber nach Deutschland rüber.
Wissen Sie, wie die jüngste Klage einiger Indianernationen gegen den amerikanischen Staat ausging? Nein? Kennen sie den Indianercasino-Skandal von vor ein paar Jahren? Nein? Was denken Sie über die Diskussion um den Namen „Washington Redskins“ und Indianer Maskottchen in High Schools? Sie haben keine Meinung dazu? Vielleicht sind Sie über die Diskussion über Amerikas Vergangenheit nicht sehr gut informiert.
Im Gegenteil: Wenn die Amis nicht so selbstkritisch wären, wären die Deutschen nicht so Amerika-kritisch.
Alles, was deutsche Zeitungen kritisch über Amerika berichten, wird ja von amerikanischen Medien abgeschrieben. Der deutsche Spiegel-Korrespondent recherchiert ja nicht selber die Geschichte der Sklaverei in den Staatsarchiven von Alabama. Deutsche Amerika-Kritik ist 1-zu-1 amerikanische Selbstkritik.
Auch der Spiegel-Korrespondent in Portugal oder Brasilien recherchiert die Geschichte Portugals oder Brasiliens nicht selbst, sondern schreibt ab. So können Sie leicht anhand der deutschen Medien überprüfen, welche Länder am ehesten selbstkritisch sind:
Wie viele Artikel haben Sie im Leben über den portugiesischen Sklavenhandel gelesen? Wie viele Filme, wie viele Bücher? Ich wette: keine. Warum? Weil es kaum welche gibt.
Dabei war der portugiesische Sklavenhandel um ein vielfaches stärker als die britische/amerikanische: Die Portugiesen haben (ab 1404!) rund 5 Millionen Sklaven aus Afrika zuerst nach Europa, dann ab dem 16. Jht. in ihre südamerikanische Kolonien exportiert; die Briten/Amerikaner haben nur eine halbe Million Afrikaner versklavt. (Das nächste Mal, dass Brasilien Deutschland in der WM 8:1 besiegt, fragen Sie sich ruhig: Wenn die Einwohner Südamerikas Indianer waren, und die Brasilianer heute portugiesisch sprechen, warum sind so viele Brasilien-Spieler schwarz?)
Aber wissen Sie etwas über die portugiesische Sklaverei? Nein. Warum? Weil es so gut wie keine portugiesische Selbstkritik gibt, die in Übersetzung nach Deutschland wandern kann. Das gleiche gilt auch für Spanien und Frankreich, die zusammen mit Portugal nicht nur 95% aller versklavten Afrikaner aus Afrika geholt haben, sondern auch rund 80% aller amerikanischen Ureinwohner getötet haben, und zwar lange, bevor es die USA gab.
Inzwischen bin ich sogar überzeugt, dass die USA die selbstkritischste Nation der Welt ist.

Saturday, March 28, 2015

Ist Andreas Lubitz schuld, oder die Bild Zeitung?

Manchmal ist das Leben in Deutschland für mich wie ein Leben im Twilight Zone.

Zu den skurrilsten und bizarrsten Dingen, die ich jemals hier erlebt habe, gehört die gegenwärtige mit Leidenschaft und einen gehörigen Portion Wichtigtuerei ausgetragen Diskussion um den Umgang mit dem Namen von „Andreas L.“, international als „Andreas Lubitz“ bekannt, Massenmörder.

Es ist ja gerade etwas Unfassbares passiert, hier in malerischen, verschlafenen Deutschland, auf dem gleichen Rang wie die großen, unvorstellbare Massenmorde von Osama bin Laden und Andre Breivik. Aber anstatt sich damit zu befassen, diskutieren die Deutschen (zumindest sehr viele von ihnen) lieber über die völlig theoretische, praktisch irrelevante Frage, ob man den Namen, den längst bekannt ist, veröffentlichen darf.

Es geht um ... um was? Schutz der Privatsphäre? (Naja, keiner diskutiert, ob die Namen der Opfer veröffentlicht werden dürfen... aber vielleicht ist ja für viele Deutsche der wahren Opfer Andreas Lubitz). Oder um journalistische Ehre? (Es wurde nie in einem Gericht bewiesen, dass Osama bin Laden hinter den Anschlägen vom 11. September steckte, sein Name wurde aber nie verschweige... naja, er war aber auch Ausländer).

Selbst, wenn die Frage legitim wäre – warum so viel Empörung daran verwenden, wenn es auch echte Fragen gibt? Wie gehe ich emotional mit einem solchen Ereignis um? Ist unsere Gesellschaft mitschuldig? Was gibt es für Folgen – und zwar nicht nur im Sinne von „vier Augen in Cockpit“? Wo wird in den nächsten Jahren Germanwings angeklagt und unter welchen Gesetzen? Es war ein internationaler Flug und über die Hälfte der Opfer waren internationale Opfer. Bestimmte deutsche Regelungen, wie Datenschutz und Privatsphäre, die einzigartig auf der Welt sind, werden in Frage gestellt werden, wenn die Klagen gegen Germanwings in Spanien, Frankreich oder gar in New York stiegen. Die Deutschen werden sich damit auseinandersetzen müssen, warum ihre Gesetze mit denen anderer Länder nicht in Einklang sind, obwohl das Handeln der Deutschen, auch einzelner Deutsche, so viel Einfluss auf andere Länder hat.

Doch all das ist vielen Deutschen nicht so wichtig wie eine Bild-Überschrift. Warum wollen so viele Deutsche die Medien zu den „wahren Tätern“ hochstilisieren? Das ist keine rhetorische Frage: Es ist ein bizarres Verhalten, zu dem – ich vermute – nur die Deutschen fähig sind.

Ich habe drei Theorien:

1. Angst vor großen Gefühlen: Die Deutschen sind nicht in der Lage, mit einer so unfassbaren Tat umzugehen, also weichen sie auf ein Nebenschauplatz aus. Viele Deutschen neigen dazu, nicht nur im Angesicht eines solchen Verbrechens, das intensive Gefühle hervorrufen. Auf der Uni in Menschen, wo ich Mediävistik studiert habe, haben wir ständig Fragen der Editionen, der Begriffklärung und der und historischen literarischen Theorien diskutiert – selten den eigentlichen Gegenstand unseres Fachs, die Literatur des Mittelalters. Das ist der Grund, warum in vielen Fächern, selbst in der Literatur des deutschen Mittelalters, die besten Wissenschaftler in England und den USA sitzen – sie befassen sich mit den großen Fragen, während die Deutschen aus lauter Angst, sie könnten was falsches sagen, sich davor verstecken.

2. Nationalstolz: Die Deutschen wollen ungern wahrhaben, dass sie immer noch Massenmörder sein können. Immer, wenn in Amerika jemand amokläuft, empören sich die Deutschen mit einer maßlosen moralischen Überheblichkeit auf (und natürlich nennen sie Namen), und klopfen sich auf die Schulter, dass ihre Waffengesetze für eine ordentliche, brave Gesellschaft sorgen. Noch nie aber hat ein Einzelne mit einer Waffe in den USA 149 Menschen getötet. Vielleicht haben sich viele Deutsche sich zu früh über andere Länder empört, und wollen jetzt sich selbst nicht zugeben, dass ihre Gesellschaft nicht so moralisch überlegen ist, wie sie glauben. Also verdrängen sie es lieben (und natürlich kommt hinzu, es war ein internationaler Flug, wenn der Co-Pilot niemals identifiziert wäre, würde niemand wissen, dass es ein Deutscher war).

3. Sie wissen nicht, wie das geht: Die Deutschen - das habe ich öfters bemerkt – neigen dazu, in festen Bahnen zu denken. Willst du linke Intellektueller sein? Du musst dich über Bild, die NPD und Kapitalismus aufregen. Willst du für kultiviert gehalten werden? Dieter Bohlen, Til Schweiger, die Privaten und „Hollywoodscheiß“. Willst du als welterfahren und moralisch überlegen gelten? Reg dich über Amerika und Israel auf. Selber nachdenken ist nicht erforderlich, man muss nur auf bestimmte Knöpfe drücken, und schon macht man Eindruck. Das hat Vorteile: Das macht das Leben gewiss leichter – es ist viel leichter, auf dem Gymnasium diese paar einfachen Regeln zu verinnerlichen, als das ganze Leben lang selber zu denken. Viele Deutsche denken fast ausschließlich in diesen auswendig gelernten, standardisierten Mustern. Über Andreas Lubitz nachzudenken – das tut weh, und es ist schwieriger, es ist unklar, was man da zu denken hat, man hat es noch nie gemacht, keiner hat es einem schon vorgemacht. Da ist es eine Erleichterung, sobald man sich wieder in einer gewohnten Umgebung befindet – die Bild Zeitung war es! Die ist schuldig!

Ihr habt jetzt ein Problem in der Art, wie Amerika am 11. September ein Problem hatte. Wir hatten es womöglich leichter, weil wir politisch darauf antworten konnten – wir konnten einen Schuldigen ausmachen und jagen. Ihr habt es schwerer – es ist eine fast nicht zu bewältigende emotionale Aufgabe, und ich glaube, es wird euer Selbstbild für immer ändern. Ich wünsche euch viel Glück dabei.


Thursday, March 26, 2015

Ein guter Artikel über die TPP - endlich!


Viele Amis haben die gleichen Ängste wie die Europäer über die TIPP, aber umgekehrt: Europäer befürchten, dass große amerikanischen Firmen kleine hilflose europäischen Staaten vor Gericht ziehen wird und in deren nationalen Gesetzgebung eingreifen werden. Amerikaner befürchten, dass große europäische und asiatische Firmen in amerikanische Gesetzgebung eingreifen werden. Was keiner weiß, ist: Das ist schon lange der Fall, und alle kommen zu recht, weil 1) ein Staat hat auch gute Anwälte und 2) jeder das gleiche Recht.

Hier einige interessante Punkte über den anti-protektionistischen Freihandelsabkommen TPP, über die alle sich Sorgen machen:

- Es ist keine Neuigkeit, wenn eine Firma einen Staat anklagen darf – solche Abkommen gibt es 3000mal auf der Welt und Amerika ist an 51 von ihnen beteiligt: “Investor-State Dispute Settlement” accords exist already in more than 3,000 trade agreements across the globe. The United States is party to 51, including the North American Free Trade Agreement."

- Wenn eine Firma eine Staat anklagt, ist der Staat meist in der Lage, sich zu wehren, wie in diesem Beispiel, als eine kanadische Firma die USA angeklagt hat: "California banned the chemical MTBE from the state’s gasoline, citing the damage it was doing to its water supply. The Canadian company Methanex Corporation sued for $970 million under Nafta, claiming damages on future profits. The case stretched to 2005, when the tribunal finally dismissed all claims."

- Die Angst ist, dass kleinere Länder (Bulgarien – nicht Deutschland – Deutschland gehört zu den großen, rechen und bedrohlichen Ländern) nicht das Geld und das rechtliche Know-How haben werden, sich gegen große ausländische Firmen zu wehren. In diesem Punkt könnte die Sprache des Vertrages verbessert werden. Es wird aber auch schon im Vertrag berücksichtigt, indem rechtliche Streitigkeiten nicht vor nationalen Gerichten, sondern von UN-Tribunalen ausgetragen werden.

- Firmen können schon jetzt den Staat (Amerika wie Deutschland) vor Gericht ziehen, und sie tun es oft: In Amerika allein seit 1993 17 mal auf der Bundesebene, 700,000 auf der bundesstaatlichen Ebene: "Since 1993, while the federal government was defending itself against those 17 cases brought through extrajudicial trade tribunals, it was sued 700,000 times in domestic courts."

- Wenn ich das richtig lese, werden die UN-Tribunale transparent sein und dritte Parteien können sich daran beteiligen (hier in der TPP – allerdings ist die Sprache hier schwammig): "The Obama administration pressed for — and won — clear transparency rules mandating that tribunals be open to the public and arbitration documents be available online. Outside parties would also be allowed to file briefs."

- Es besteht bereits ein Klausel, der nationale Interessen/Recht und Umweltbedenken von rechtlichen Angriffen schützen (hier in TPP), auch wenn die Sprache im Klausel noch schwammig ist: “One of the chapter’s annexes states that regulatory actions meant ‘to protect legitimate public welfare objectives, such as public health, safety and the environment” do not constitute indirect expropriation, “except in rare circumstances.'."


Es gibt noch einige berechtigte Kritik an TPP und TIPP – ein solcher Vertrag ist auch kompliziert – aber das ist nur eine Sache der Sprache im Vertrag. Der Vertrag selbst ist nichts neues, nichts außergewöhnliches und gibt den USA oder sonst einem Staat nicht mehr Rechte als die anderen Vertragspartner. Im allgemeinen geben solche Freihandelsabkommen beiden Partner mehr Gelegenheiten als Nachteile, sie schaffen einen fairen und gleichen Fundament für Handel (von dem übrigens Deutschland grundsätzlich mehr profitiert als die USA), und vor allem bekämpfen sie eines der größten Hindernissen für Wohlstand (vor allem für europäischen Länder außerhalb Deutschlands: Protektionismus.  

Tuesday, March 03, 2015

Warum mein Standpunkt in manchen Fragen unklar ist (und ich kann dennoch nicht den Mund halten)

Auf Facebook habe ich die Deutschen dafür zurecht gewiesen, dass 6000 Ukrainer im Krieg gestorben sind und Deutschland tut nichts dagegen.

Allerdings habe ich nicht gesagt, was meiner Meinung nach die Lösung wäre. Daraufhin hat Achim Rheiner zurecht mich zurecht gewiesen, weil ich öfters mal im Konkreten meinen Standpunkt nicht klar mache.

Dieses Problem ist hier im Hansen/Ule-Haushalt bekannt.

Hier meine Antwort:

Lieber Achim, du hast den Finger auf die Wunde gelegt. Auch Astrid sagt immer wieder: Deine Leser wissen nicht genau, wo du stehst. Das ist ein Manko von mir, mit dem ich immer wieder zu kämpfen habe.

Mein konservativer, sehr intelligenter Vater sagte, es ist der Fluch des Intellektuellen, beide Seiten einer Frage zu sehen. Ein Fluch, weil, wer wirklich beide Standpunkte erfasst, kann keinen eigenen Standpunkt einnehmen, er wird unentschieden überlässt letztendlich das Handeln der anderen. Er meinte das durchaus als Warnung an mich (auch wenn ich es nie zum “Intellektuellen” schaffen würde).

So ist es mit mir. Ich lege mich tatsächlich ungern fest. Weil ich Angst habe, falsch zu liegen und die Konsequenzen aus einer falschen Entscheidung zu ziehen. Nun aber bin ich Autor, und ich muss mich entscheiden, worüber ich schreiben soll. Auch wenn ich zu vielen konkreten Fragen keine klare Meinung habe, habe ich doch Erfahrungen und Sichtweisen, die andere nicht haben – dies kann ich als Autor benutzen.

Als Ami in Deutschland bin ich Außenseiter, und ein Außenseiter sieht Dinge, die andere nicht sehen. Da liegt als meine Aufgabe. Ich kann also gängige Standpunkte und trendige Mythen der Deutschen über sich selbst hinterfragen. Also tue ich das, worin ich gut bin: Nicht ein Standpunkt vertreten, sondern auf die weniger populäre Seite der Diskussion aufmerksam machen.

Speziell auf Deutschland gemünzt, heißt das: Ich sehe, dass viele Deutsche vor ihrer eigenen Verantwortung wegrennen. In der Ukraine-Frage trägt Deutschland als Motor der EU (und als Auslöser des Problems) die Verantwortung. Nun weiß aber jeder Deutsche, dass es keine ideale Lösung gibt. Deutsche mögen keine Probleme ohne perfekte Lösung. 

Egal, was man in der Ukraine macht, wird das Problem ohne Blutvergießen nicht gelöst. Egal, was die Deutschen machen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie eine falsche Entscheidung machen. In dem Moment, wo die Deutschen Verantwortung übernehmen, haben sie Blut auf den Fingern, selbst, wenn es gut ausgeht.

Dass die Deutschen davor panische Angst haben, sich so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg irgendwie wieder schuldig zu machen, verstehe ich gut. Aber Deutschland ist heute eines der wichtigsten und mächtigsten Länder der Welt, es ist Zeit, ins saure Apfel beißen und die eigene, schwierige Verantwortung anerkennen. Wir Amis tun das, vielleicht mehr aus Naivität als aus Verantwortungsbewusstsein: Wir machen immer wieder Fehler, wir stecken die Kritik ein, und wir machen weiter, weil wir die Verantwortung haben und sie wird uns sonst niemand abnehmen.

Die Deutschen wehren sich mit Händen und Füssen gegen Verantwortung. Sie interpretieren das Problem in ein russisches/amerikanisches Problem um, sie rechtfertigen und verharmlosen Russlands Handeln, oder sie veröffentlichen die steigende Zahl der Toten in den Zeitungen nicht oder nur ganz dezent, und regen sich dafür groß über Edathy auf.  

Viele Deutschen sehen nicht, dass sie das tun, oder dass die Vermeidung der Verantwortung dazu führt, dass noch mehr Leute leiden. Ich kann vieles nicht, aber das kann ich klar sehen, also muss ich als Autor die Deutschen darauf hinweisen. Welchen Weg die Deutschen letztendlich gehen, dass ist ihre Entscheidung. Ich lasse aber nicht zu, dass sie sich einbilden, sie müssten gar nichts tun.

Allerdings hast du auch von mir schon einen konkreten Standpunkt verlangt, also tue ich auch das:

Konkret zur Frage „Was soll Deutschland in der Ukraine machen“, habe ich folgende Gedanken. Mir scheint, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: 1) Sanktionen gegen Russland stärken und 2) Waffen in die Ukraine schicken (bzw. schicken lassen – die Deutschen brauchen es ja nicht selber tun, sie brauchen nur Obama darum bitten, und er macht das). Mehr Möglichkeiten sehe ich nicht, vielleicht sieht ein intelligenterer Mensch welche.

Was die Sanktionen betrifft, bin ich ganz dafür, dass sie noch gestärkt werden. Russland ist vor allem ökonomisch verletzlich. Die Angst, dass weitere Sanktionen eine Weltkrieg provozieren könnte, sind völlig unrealistisch: Ohne Geld ist kein Weltkrieg zu führen. Auch kein Krieg in der Ukraine. Schärfere Sanktionen gegen Russland werden die ukrainischen Rebellen nicht aufhalten, aber sie werden Russland hindern, und ohne Russland im Spiel hat die Ukraine eine Chance gegen ihre Rebellen.

Die Frage, „Waffen in die Ukraine schicken?“, ist schwieriger. Könnte das Russland dazu provozieren, noch mehr einzugreifen? Das ist eine realistische Angst (allerdings greift er auch so ein, also ist die Angst wiederum auch ein wenig naiv. Außerdem hat England schon Berater in die Ukraine geschickt, und das hat Putin auch nicht weiter provoziert). Hier bin ich vorsichtiger, aber ich glaube, irgendwann muss es passieren, wenn Russland sich nicht von alleine zurückzieht. Ich glaube nicht, dass eine dritte Weltkrieg droht, wie manche Panikmacher behaupten: Putin ist zu vernünftig, zu intelligent und zu vorsichtig. Alles, was er bisher gemacht hat, war extrem rational. Also denke ich: Verbunden mit härteren Sanktionen wird es nicht jetzt sofort, aber irgendwann vor dem Sommer sinnvoll sein, die Ukrainer zu bewaffnen.


So, nun habe ich meine Meinung gesagt. Gott steh mir bei.