Kommt Sensationsjournalismus aus Amerika? Sind Amerikaner zur Selbstkritik unfähig?

Wie das so ist, wenn ein Ami (das bin ich) die deutsche Medienwelt kommentiert, bekommt er diese beiden Vorwürfe zu hören: Deutschlands Medien sind nur so schlimm, weil Amerika macht sie so, und die Amis wissen nichts über die Sünden ihrer Vergangenheit (Sklaverei/Indianer), weil ihre Medien eben so schlimm sind. Diese Vorwurf kam auch in meinem FB-Post "Ist Andreas Lubitz schuld oder die Bild Zeitung?" vor. 

Hier meine Antwort:
Es ist schon richtig, dass Amerika ein Problem mit unseriöser Berichterstattung hat. Es kann auch sein, dass insgesamt weniger Amerikaner an Nachrichten interessiert sind als Deutsche (?). Das alte Klischee, Sensationsjournalismus komme aus Amerika nach Deutschland, stimmt aber nicht. Ich bezweifele auch ernsthaft, dass es jemals eine Zeit in Deutschland gab, in der es kein Sensationsjournalismus gab. Hier ein paar Eckdaten:
- Die Bild Zeitung wurde 1959 gegründet auf dem Vorbild einer britischen, nicht einer amerikanischen Boulevardzeitschrift (die Daily Mirror - seit 1903).
- Amerika hat im Printbereich keine Entsprechung zur Daily Mirror/Bild, nur im TV-Bereich: Fox News. Tägliche Fox News-Zuschauer: 2 Million. Tägliche Bild-Zeitung-Leser: 2,5 Million.
- Das meistgelesene Zeitung in den USA ist die Wall Street Journal, gefolgt von den New York Times. Die meistgelesene Zeitung in Deutschland: Bild.
Zum Thema amerikanische Selbstkritik: Selbstverständlich wird unsere Geschichte in Bezug auf Sklaverei und die Ermordung und Enteignung der Indianer aufgearbeitet, und zwar wahrscheinlich noch mehr als die Nazi-Vergangenheit in Deutschland.
Es fängt in der Schule an, ist immer in den Medien und in der Politik präsent und wird regelmäßig in der Popkultur verarbeitet. Man kann die Zeitung oder Facebook nicht aufschlagen, ohne eine Diskussion über Rassismus (als Erbe der Sklaverei) mitzubekommen, auch über den Umgang mit den Indianer-Nationen und ihre Halbsouveränitaet (wenn etwas weniger als Sklaverei/Rassismus).
Siehe die Liste der Oscar-Anwärter jedes Jahr: Da ist immer ein Film über Sklaverei oder Rassismus dabei: „Selma“, „12 Years a Slave“ und „Der mit dem Wolf tanzt“ sind keine einsame Ausnahmen: Nur die wenigsten Bücher und Artikel/Themen schwappen aber nach Deutschland rüber.
Wissen Sie, wie die jüngste Klage einiger Indianernationen gegen den amerikanischen Staat ausging? Nein? Kennen sie den Indianercasino-Skandal von vor ein paar Jahren? Nein? Was denken Sie über die Diskussion um den Namen „Washington Redskins“ und Indianer Maskottchen in High Schools? Sie haben keine Meinung dazu? Vielleicht sind Sie über die Diskussion über Amerikas Vergangenheit nicht sehr gut informiert.
Im Gegenteil: Wenn die Amis nicht so selbstkritisch wären, wären die Deutschen nicht so Amerika-kritisch.
Alles, was deutsche Zeitungen kritisch über Amerika berichten, wird ja von amerikanischen Medien abgeschrieben. Der deutsche Spiegel-Korrespondent recherchiert ja nicht selber die Geschichte der Sklaverei in den Staatsarchiven von Alabama. Deutsche Amerika-Kritik ist 1-zu-1 amerikanische Selbstkritik.
Auch der Spiegel-Korrespondent in Portugal oder Brasilien recherchiert die Geschichte Portugals oder Brasiliens nicht selbst, sondern schreibt ab. So können Sie leicht anhand der deutschen Medien überprüfen, welche Länder am ehesten selbstkritisch sind:
Wie viele Artikel haben Sie im Leben über den portugiesischen Sklavenhandel gelesen? Wie viele Filme, wie viele Bücher? Ich wette: keine. Warum? Weil es kaum welche gibt.
Dabei war der portugiesische Sklavenhandel um ein vielfaches stärker als die britische/amerikanische: Die Portugiesen haben (ab 1404!) rund 5 Millionen Sklaven aus Afrika zuerst nach Europa, dann ab dem 16. Jht. in ihre südamerikanische Kolonien exportiert; die Briten/Amerikaner haben nur eine halbe Million Afrikaner versklavt. (Das nächste Mal, dass Brasilien Deutschland in der WM 8:1 besiegt, fragen Sie sich ruhig: Wenn die Einwohner Südamerikas Indianer waren, und die Brasilianer heute portugiesisch sprechen, warum sind so viele Brasilien-Spieler schwarz?)
Aber wissen Sie etwas über die portugiesische Sklaverei? Nein. Warum? Weil es so gut wie keine portugiesische Selbstkritik gibt, die in Übersetzung nach Deutschland wandern kann. Das gleiche gilt auch für Spanien und Frankreich, die zusammen mit Portugal nicht nur 95% aller versklavten Afrikaner aus Afrika geholt haben, sondern auch rund 80% aller amerikanischen Ureinwohner getötet haben, und zwar lange, bevor es die USA gab.
Inzwischen bin ich sogar überzeugt, dass die USA die selbstkritischste Nation der Welt ist.

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