Tuesday, March 03, 2015

Warum mein Standpunkt in manchen Fragen unklar ist (und ich kann dennoch nicht den Mund halten)

Auf Facebook habe ich die Deutschen dafür zurecht gewiesen, dass 6000 Ukrainer im Krieg gestorben sind und Deutschland tut nichts dagegen.

Allerdings habe ich nicht gesagt, was meiner Meinung nach die Lösung wäre. Daraufhin hat Achim Rheiner zurecht mich zurecht gewiesen, weil ich öfters mal im Konkreten meinen Standpunkt nicht klar mache.

Dieses Problem ist hier im Hansen/Ule-Haushalt bekannt.

Hier meine Antwort:

Lieber Achim, du hast den Finger auf die Wunde gelegt. Auch Astrid sagt immer wieder: Deine Leser wissen nicht genau, wo du stehst. Das ist ein Manko von mir, mit dem ich immer wieder zu kämpfen habe.

Mein konservativer, sehr intelligenter Vater sagte, es ist der Fluch des Intellektuellen, beide Seiten einer Frage zu sehen. Ein Fluch, weil, wer wirklich beide Standpunkte erfasst, kann keinen eigenen Standpunkt einnehmen, er wird unentschieden überlässt letztendlich das Handeln der anderen. Er meinte das durchaus als Warnung an mich (auch wenn ich es nie zum “Intellektuellen” schaffen würde).

So ist es mit mir. Ich lege mich tatsächlich ungern fest. Weil ich Angst habe, falsch zu liegen und die Konsequenzen aus einer falschen Entscheidung zu ziehen. Nun aber bin ich Autor, und ich muss mich entscheiden, worüber ich schreiben soll. Auch wenn ich zu vielen konkreten Fragen keine klare Meinung habe, habe ich doch Erfahrungen und Sichtweisen, die andere nicht haben – dies kann ich als Autor benutzen.

Als Ami in Deutschland bin ich Außenseiter, und ein Außenseiter sieht Dinge, die andere nicht sehen. Da liegt als meine Aufgabe. Ich kann also gängige Standpunkte und trendige Mythen der Deutschen über sich selbst hinterfragen. Also tue ich das, worin ich gut bin: Nicht ein Standpunkt vertreten, sondern auf die weniger populäre Seite der Diskussion aufmerksam machen.

Speziell auf Deutschland gemünzt, heißt das: Ich sehe, dass viele Deutsche vor ihrer eigenen Verantwortung wegrennen. In der Ukraine-Frage trägt Deutschland als Motor der EU (und als Auslöser des Problems) die Verantwortung. Nun weiß aber jeder Deutsche, dass es keine ideale Lösung gibt. Deutsche mögen keine Probleme ohne perfekte Lösung. 

Egal, was man in der Ukraine macht, wird das Problem ohne Blutvergießen nicht gelöst. Egal, was die Deutschen machen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie eine falsche Entscheidung machen. In dem Moment, wo die Deutschen Verantwortung übernehmen, haben sie Blut auf den Fingern, selbst, wenn es gut ausgeht.

Dass die Deutschen davor panische Angst haben, sich so kurz nach dem Zweiten Weltkrieg irgendwie wieder schuldig zu machen, verstehe ich gut. Aber Deutschland ist heute eines der wichtigsten und mächtigsten Länder der Welt, es ist Zeit, ins saure Apfel beißen und die eigene, schwierige Verantwortung anerkennen. Wir Amis tun das, vielleicht mehr aus Naivität als aus Verantwortungsbewusstsein: Wir machen immer wieder Fehler, wir stecken die Kritik ein, und wir machen weiter, weil wir die Verantwortung haben und sie wird uns sonst niemand abnehmen.

Die Deutschen wehren sich mit Händen und Füssen gegen Verantwortung. Sie interpretieren das Problem in ein russisches/amerikanisches Problem um, sie rechtfertigen und verharmlosen Russlands Handeln, oder sie veröffentlichen die steigende Zahl der Toten in den Zeitungen nicht oder nur ganz dezent, und regen sich dafür groß über Edathy auf.  

Viele Deutschen sehen nicht, dass sie das tun, oder dass die Vermeidung der Verantwortung dazu führt, dass noch mehr Leute leiden. Ich kann vieles nicht, aber das kann ich klar sehen, also muss ich als Autor die Deutschen darauf hinweisen. Welchen Weg die Deutschen letztendlich gehen, dass ist ihre Entscheidung. Ich lasse aber nicht zu, dass sie sich einbilden, sie müssten gar nichts tun.

Allerdings hast du auch von mir schon einen konkreten Standpunkt verlangt, also tue ich auch das:

Konkret zur Frage „Was soll Deutschland in der Ukraine machen“, habe ich folgende Gedanken. Mir scheint, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: 1) Sanktionen gegen Russland stärken und 2) Waffen in die Ukraine schicken (bzw. schicken lassen – die Deutschen brauchen es ja nicht selber tun, sie brauchen nur Obama darum bitten, und er macht das). Mehr Möglichkeiten sehe ich nicht, vielleicht sieht ein intelligenterer Mensch welche.

Was die Sanktionen betrifft, bin ich ganz dafür, dass sie noch gestärkt werden. Russland ist vor allem ökonomisch verletzlich. Die Angst, dass weitere Sanktionen eine Weltkrieg provozieren könnte, sind völlig unrealistisch: Ohne Geld ist kein Weltkrieg zu führen. Auch kein Krieg in der Ukraine. Schärfere Sanktionen gegen Russland werden die ukrainischen Rebellen nicht aufhalten, aber sie werden Russland hindern, und ohne Russland im Spiel hat die Ukraine eine Chance gegen ihre Rebellen.

Die Frage, „Waffen in die Ukraine schicken?“, ist schwieriger. Könnte das Russland dazu provozieren, noch mehr einzugreifen? Das ist eine realistische Angst (allerdings greift er auch so ein, also ist die Angst wiederum auch ein wenig naiv. Außerdem hat England schon Berater in die Ukraine geschickt, und das hat Putin auch nicht weiter provoziert). Hier bin ich vorsichtiger, aber ich glaube, irgendwann muss es passieren, wenn Russland sich nicht von alleine zurückzieht. Ich glaube nicht, dass eine dritte Weltkrieg droht, wie manche Panikmacher behaupten: Putin ist zu vernünftig, zu intelligent und zu vorsichtig. Alles, was er bisher gemacht hat, war extrem rational. Also denke ich: Verbunden mit härteren Sanktionen wird es nicht jetzt sofort, aber irgendwann vor dem Sommer sinnvoll sein, die Ukrainer zu bewaffnen.


So, nun habe ich meine Meinung gesagt. Gott steh mir bei.

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