Tuesday, April 21, 2015

Kratzt Andreas Lubitz am Selbstbild der Deutschen?

In einer anderen Post habe ich mich gewundert, dass die Berichterstattung über Andreas Lubitz schon zu Ende ist – und dass die Deutschen sich nie wirklich mit dem Massenmord ehrlich befasst haben. Es gab Gegenstimmen. Hier ist meine Antwort:

Ich hab nachgedacht und ich glaube: Wie ihr mit dem Andreas Lubitz Massenmord umgeht sagt tatsächlich etwas Problematisches über die deutsche Gesellschaft von heute aus.

Die Empörung über die Medien und die Furcht um das Wohl von Deprimierten waren vorgeschobene Gründe. Niemand hat sich aufgeregt, als die Namen Beate Tschaepe, Andre Brevik, Osama bin Laden, Michael Slager oder James Eagan Holmes bekannt gegeben waren. Warum auch? Die künstliche Aufregung im Falle Lubitz war ein verzweifelter Versuch, abzulenken.

Auch die Sorge um die Stigmatisierung von Deprimierten war vorgeschoben: Zu keiner Zeit gab es die Gefahr, dass Deprimierte stigmatisiert werden könnten. Niemand hat zu einer Hetzkampagne gegen sie aufgerufen, auch Artikel über Deprimierte, die töten“ sah ich keine. Dazu kommt, dass die meisten Massenmorde von Menschen mit psychischen Problemen begangen werden – in den vielen Fällen in anderen Ländern bisher haben die Deutschen sich niemals um deren Stigmatisierung gefürchtet. (Und ja, ich benutzt den Begriff „die Deutschen“ ganz bewusst.)

Auch das plötzliche Ende des Diskussion nach nur einer Woche kommt sonst nie vor. Die Deutschen diskutierten Vorratsdatenspeicherung, die NSA, Beate Tschaepe, solches Unglücke wie der in Eschede, deutlich – selbst Ferguson wurde länger öffentlich diskutiert, und das fand in einem weit entfernten Land statt.

Würde Lubitz heute leben, würde man ihn nicht für Selbstmord festnehmen, sondern für Mord in 149 Fällen. Es handelt sich tatsächlich um Massenmord. Dennoch heißt es in Deutschland „Unglück“ oder „Absturz“ – das Wort „Massenmord“ vermeiden die Deutschen, als ob es den Teufel herbeirufen könnte.

Nein, die Deutschen haben ein echtes Problem damit, und ich frage mich, was es ist. Kann es sein, dass Massenmord das heile Selbstbild der Deutschen stört? 70 Jahre nach dem Holocaust haben die Deutschen sich überzeugt, dass sie sowas niemals tun könnten, was ihre Großeltern getan haben. Das haben sie in den Reich des Unmöglichen, des Legendären verbannt. (Das erklärt auch, warum sie sich so gern an Amokläufen in Amerika aufgeilen – es zeigt, wie viel moralisch und menschlich besser sie sind als andere Menschen.)


Jetzt kommt einer und ohne ein Wort der Erklärung, mit absolut eisig kaltem Herzen tötet er 149 Menschen, und plötzlich ist das heile Selbstbild nicht mehr so heil. Kann es das sein, was so wehtut – die Ahnung, dass die sie nicht grundsätzlich besser als andere Völker sind, nicht mal besser als ihre Großeltern – die Furcht, dass in den Deutschen ein Teil ihrer eigenen Großeltern immer noch steckt?

Ich bin stolz auf die Deutschen

Ich sage da nicht oft, aber es stimmt. Nur eine Woche, nachdem die taz eine beeindruckende Traueranzeige für die ertrunkenen Flüchtlinge titelte, ist das Thema im aller Munde. Darauf habe ich Jahre gewartet und ich habe es nicht mehr erwartet – jetzt glaube ich, das Thema ist endlich heiß genug, dass die Deutschen etwas dafür tun könnten.

Vor allem zeigt es mir, dass die Deutschen immer mehr in der Lage sind, Verantwortung zu übernehmen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Es gibt immer noch viel Verlogenes an der Geschichte. Das Flüchtlingsproblem ist nicht neu und wurde Jahre nach verdrängt. Auch heute hat die Aufregung eine unangenehme politische Komponente – Sich um Ausländer bzw. Asylbewerber zu kümmern, mit ihnen zu leiden, ist ein Vorzeigethema der Linken, mit dem sie Politik machen. Auch die Anzeige in der taz war nicht rein aus menschlichem Mitleid, sondern auch, um den „Rechten“ eins reinzuwürgen. Manchmal glaube ich, die Deutschen sind nicht in der Lage, eine Meinung zu äußern, wenn nicht dahinter politische Parteilichkeit steckt.

Trotzdem lobe ich die Deutschen dafür, dass sie das Thema endlich in Angriff nehmen. Warum? Weil es zeigt, dass sie ihre Rolle als Führer der EU langsam annehmen.

Die Flüchtlinge sterben ja nicht an den Grenzen Deutschlands, sondern weit weg, vor der Küste eines anderen europäischen Landes. Das Nationalstaat Deutschland hat damit nichts zu tun – und das war ein Grund, warum das Problem Jahrelang ignoriert wurde. Deutschland erkennt aber langsam, dass es kein Nationalstaat mehr ist, sondern ein Teil von Europa, und nur in diesem Sinne sterben Menschen an „Deutschlands Grenzen“.

Das Gefühl für Verantwortung habe ich in Deutschland lange vermisst. Ich kenne es aus Amerika. Sobald irgendwas in der Welt passiert, ist es für die Amis selbstverständlich, dass sie ihre Verantwortung diskutieren. Massenmord in Ruanda? Hätten wir nicht etwas tun müssen? Wir wissen nicht, wo Ruanda ist, trotzdem haben wir heute noch Schuldgefühle, dass wir nichts getan haben. Wir sehen es als unsere Verantwortung – als mächtiges Land der Welt ist es auch unsere Verantwortung.

Bis jetzt haben die Deutschen sich hinter ihrer vermeintlichen Bedeutungslosigkeit versteckt – „Wir sind klein und hilflos, schaut nur, wie Amerika mit uns umspringt, was haben wir den in der Welt für eine Verantwortung, das geht doch gar nicht.“ Heute – nachdem ist klar ist, dass ganz Europa von Deutschland abhängig ist – ändert sich das. Das ist der erste Schritt fur Deutschland, die EU-Führungsrolle zu übernehmen und das in der Welt zu tun, was die Welt von ihm erwartet.

Deutschland, ich bin stolz auf dich.