Thursday, June 11, 2015

Ist Anti-Amerikanismus eine Form von Rassismus?

Ist Anti-Amerikanismus eine Form von Rassismus?

(Ein FB-Freund stellte diese Frage in einer anderen Post; hier meine sehr sehr lange Antwort!)
Rassismus ist ein Vorteil oder ein Hass auf einen Menschen (ein Ami) oder eine Gruppe von Menschen (alle Amis) aufgrund ihrer Herkunft (weil sie eben Amerikaner sind). Meist wird Rassismus mit Hautfarbe verbunden, „Herkunft“ muss aber nicht immer durch die Hautfarbe erkennbar sein. Wenn ein Schwede alle Norweger hasst (ich denke an meine lieben Grossvater!), hat das nichts mit Hautfarbe zu tun, sondern mit Herkunft.

Rassismus erkennt man an mehreren Merkmale und Funktionen:

Historisch:

Der Anti-Amerikanismus beginnt vor der Gründung der USA: Schon im 18. Jahrhundert schrieb der französischer Naturwissenschaftler Georges-Louis Buffon ein Bestseller, indem er Amerika als ein Land beschrieb, wo die Natur minderwertig sei: es wachse nichts anständiges, keine anständige Ernährung sei möglich und das Land könne nur Untermenschen hervorbringen. Buffon hatte Amerika nie besucht.

Schon aus diesen Vorurteilen sieht man die Angst, die Europa vor dem riesigen neuen Land jenseits der Atlantik hatte: Den Europäern war schon damals klar, wenn es jemandem gelingt, dort eine Nation aufzubauen, könnte ein zukünftiges Amerika Europa an den Rand der Geschichte drängen – was ja auch passiert ist.

Diese Angst sieht man auch in den Kommentaren des Friedrich des Großen zur Gründung der USA: eine Demokratie könne niemals gelingen, weil das Pöbel zu chaotisch sei, sich selbst zu regieren. Da brachte er die berechtigte Angst zum Ausdruck, dass der Adel irgendwann in Zukunft abgelöst werden könnte. Weil die erste demokratische Revolution in Amerika stattfand, verband Europa die Angst vor der Demokratie mit Amerika – und tut es immer noch.

In der Weimarer Republik und in der Nazizeit wurde Amerika neben den Juden und Franzosen zum Hauptfeind des Volkes Nummer 1 erklärt (und mit ihnen die Banken, den Kapitalismus, die Demokratie und die imperialistische Kriegstreiberei der barbarischen Amerikaner). Die alten Vorurteile schwangen weiterhin mit: Amerika als Demokratie sei chaotisch und unregierbar, Amerika untergrabe die überlegene europäische Kultur, etc. Dieses Nazi-Gedankengut wurde von den 68ern wieder aufgenommen und sind heute wieder modisch, und zwar au den gleichen Gründen wie immer: Selbst Buffons Vorwurf der „schlechten Ernährung“ wird heute weiter hochgehalten, nur statt „Wassermelone“ als das ungesundeste Essen der Welt hinzustellen, ist es heute das Hamburger.

Wenn einer sich für die Geschichte des Anti-Amerikanismus interessiert, hier das Standardwerk (allerdings meist aus französischem Blick) des französischen Historikers Philippe Roger, "The American Enemy“.

Die Vorurteile entsprechen nicht der Realität:

Die Vorurteile gegen Amis heute sind die gleichen wie von damals: Amerikaner hätten keine Kultur, sind dumm und oberflächlich, denken nur an Geld, sind barbarische Hinterwäldler, Waffennarren, Rassisten und Glaubensfanatiker, sind Kriegstreiber und Imperialisten.

Inzwischen kommt ein großer Teil der Weltkultur aus Amerika, von den Museumsausstellungen bis hin zu gehobene Popkultur wie Mad Men, auch die besten Unis der Welt sitzen in Amerika und produzieren die wichtigste Forschung; neben seiner kapitalistischen Kultur pflegt Amerika eine starke anti-Kommerz-Kultur: amerikanische Reiche spenden mehr Geld als die meisten andere Reichen der Welt, die großen Hollywood-Filme stellen grundsätzlich den Kommerz und den Kapitalismus als negativ dar und solche Ideen wie „life balance“, die en Wert von Geld mit anderen Werten auszugleichen versucht, kommen aus Amerika. Konservative Amerikaner sind nach wie vor stark, aber nicht so stark wie die linken: Das sieht man schon daran, dass ein Linker im Weißen Haus sitzt. Mit den Ausnahmen von Waffengesetzen und die Todesstrafe in einigen konservativen Bundesstaaten sind konservative Werte seit Jahren auf dem Rückzug: immer weniger Amerikaner glauben an Gott; Frauen-, Schwulen- und Minderheitenrechte sind in Amerika ausgeprägter als in Deutschland; auch die amerikanische Fiskalpolitik ist linksliberaler als in Deutschland (deren Fiskalpolitik in der Griechenlandkrise mit der Politik der Tea Party vergleichbar ist) und die Regulierung der Börse ist in den USA deutlich strenger als in Europa.

All das wird weder von der Medienberichterstattung noch an den Stammtischen berücksichtigt. Die Tatsache, dass diese Vorurteile weiterhin gepflegt werden, im populären Bewusstsein festgesetzt sind und von den Medien gefördert werden, obwohl die Tatsachen ihnen widersprechen, zeigen, dass man Amerika nicht sachlich und neutral betrachtet, sondern durch den Filter der Vorurteile.

Die Negative Sonderstellung eines Volkes:

Rassismus merkt man auch an der Gewichtung in den Medien. Amerika ist nur ein Staat von vielen (das gleiche gilt für Israel). Deutschland sitzt nicht in Nordamerika, sondern in Europa; seine Nachbaren sind Frankreich, England und Polen; Deutschlands außenpolitische Verantwortung liegt klar in der EU – die EU-Staaten sind für Deutschland um einiges wichtiger als Amerika. Trotzdem findet man jeden Tag negative Berichterstattung über Amerika in den Zeitungen. Wann haben Sie das letzte Mal über eine rassistische Ausschreitung in Frankreich, England oder Schweden gelesen? Es passiert jeden Monat irgendwo an der Grenze zu Deutschland, doch die Zeitungen nehmen solche Vorfälle fast ausschließlich nur aus Amerika auf. Es wird deutlich anders über Amerika berichtet als über andere Nationen – so sehr, dass die historischen Vorurteile weiterhin bestätigt und gezielt gepflegt werden. Das ist ein Zeichen von Rassismus.

Der Unterschied zwischen „Amerikakritik“ und „Anti-Amerikanismus“:

(All das hier gilt übrigens ebenso für den Unterschied zwischen „Israelkritik“ und „Anti-Semitismus.)
Amerikakritik ist selbstverständlich angebracht – und niemand kritisiert Amerika so sehr wie die Amerikaner selbst (dass die Amis nicht in der Lage sind, sich selbst zu kritisieren, ist ein weiterer falscher Vorurteil). Kritik kippt in Anti-Amerikanismus um, wenn

1) Amerika deutlich mehr kritisiert wird als andere Länder – das weist auf ein Vorurteil hin, der gegen andere Länder nicht herrscht;

2) Die Kritik wird selbst nicht in Frage gestellt – wenn niemand sagt, „stimmt, ein US-TV-Format wie DSDS ist doof, andererseits kommt auch Mad Men aus Amerika“, oder „Wenn wir verlangen, dass die USA nicht mehr in Deutschland spioniert, müssen wir dann nicht selber aufhören, in den USA zu spionieren?“. Die Einseitigkeit von Kritik ist ein Zeichen, dass es keine Kritik ist, sondern Vorurteil; wenn ein Land ohne Gegendarstellung kritisiert wird, ist das keine Kritik, sondern Hetze; und

3) Anti-Amerikanismus, wie jede Form von Rassismus, dient einem auch politischen Zweck.

Politische Instrumentalisierung:

Rassismus ist deswegen ein wichtiger Werkzeug für Populisten, Demagogen und Betrüger, weil es emotional im Volk tief verankert ist. Will man das Volk manipulieren, greift man am besten auf etablierte Feindbilder zurück, vor allem, wenn sie starke Emotionen hervorrufen.

Hitler wusste, dass die meisten Deutschen die Juden hassten, deshalb baute er den Anti-Semitismus zu einer politischen Ideologie aus. Egal, welchen Schwachsinn er über die Juden verbreitete, fiel das sonst gut gebildete und sehr intelligente Volk darauf ein, weil es emotional dafür empfänglich war.
Was mancher Teilnehmer in der "Hart aber Fair"-Talkshow von Montag machten, war ein klassische Beispiel für die Instrumentalisierung von Rassismus und ich erlebe es in fast jeder politischen Diskussion, die ich in Deutschland habe. Das Thema war Putin und den G7-Gipfel. Anstatt mit direkten Argumenten auf diese Frage einzugehen (ob die Ausladung Putins richtig war), lenkte man damit ab, indem man die Annektierung der Krim mit dem amerikanischen Einmarsch in den Irak gleichsetzte: „Amerika hätte dafür ausgeladen werden sollen“.

Der Irak-Vorwurf war irrelevant und intellektuell korrupt: Wir Amerikaner haben längst selber eingestanden, dass es ein Fehler war, sogar, dass es völkerrechtswidrig war, und wir versuchen heute, den Fehler wieder gutzumachen. Die Frage, wie Europa mit einer militärischen Invasion und Annektierung am Rande der EU umgehen muss, wurde mit der Irakschuld nicht beantwortet. Trotzdem hatte es die gewünschte Wirkung, weil man sicher sein konnten, dass es im typischen deutschen Zuschauer eine starke emotionale Reaktion hervorruft, die alle intellektuelle Argumente beiseite fegt.

Darüber dient das Argument (ob in einer öffentlicher Diskussion oder am Stammtisch) dazu, mich persönlich zu diskreditieren und indirekt als Kriegstreiber abzustempeln – ohne mich jemals über meine Meinung zum Irakkrieg zu fragen (ich stehe, wie die meisten Amerikaner, dem Irakkrieg sehr kritisch gegenüber).

Das Argument, „Aber die Amis sind doch schlimmer!“ hat selten mit dem besprochenen Thema zu tun, sondern dient fast immer zur Ablenkung und zur emotionalen Herabsetzung. Das ist ein Merkmal von Rassismus.

Anti-Amerikanismus als Relativierung der historischen Schuld:

Die moralische Verteufelung Amerikas hat in Deutschland den spezifischen Zweck, die historische Schuld durch den Holocaust zu relativieren: Schaut her, Amerika ist schlimmer als wir, also können wir nicht so schlimm sein! Das ist der Grund, warum so viele Deutsche so tief emotional und irrational von der Idee eines überaus bösen Amerikas überzeugt sind, obwohl Amerika nicht böser oder netter ist als jedes andere Land der Welt.

Das ist übrigens verständlich: Die heutigen Deutschen müssen mit einem enormen historischen Last leben, an dem sie aber nicht schuld sind. Das ist unfair, und die Last ist grösser als bei jedem anderen Volk – wir Amis schämen uns für die Sklaverei und die Verdrängung der Indianer – das ist in den Medien und in der Politik ein ständiges Thema – aber es ist lange genug her, dass es nicht zu sehr belastet; die Chinesen und Russen (bzw. die ehemalige Sowjetunion) haben deutlich mehr Menschen getötet als die Nazis, aber sie verdrängen die Schuld einfach und basta. Nur die Deutschen müssen mit dieser massiven emotionalen Last leben.

Wenn sie allerdings zu Rassismus greifen, um sich von einer Schuld zu entlasten, tun sie genau das, was ihre Großeltern getan haben – einen Sündenbock suchen und finden. Ausgerechnet in Deutschland sollte man sich fragen, ob das so eine gute Idee ist.

1 comment:

Ralph said...

As an American and a long-term resident in Germany, I've noticed what you point out again and again.

Difficult to preserve a sense of humor, let alone sanity, in this toxic atmosphere.

The Putin sympathizers (and not only those sitting in Petersburg), losers of German reunification, frustrated members of the German Left, neo-Nazis, Islamists and many others have largely succeeded in making vilifying and stigmatizing Americans a mainstream phenomenon. Even such a venerable newspaper as the FAZ prints their comments: "US-Amerikaner sind ignorant und arrogant."

The vehemence with which the America bashers carry this out shows that the aim is not objective criticism of American failings (which, sadly, do exist) but to give vent to a deep undercurrent of irrational bias and resentment. They aren't unhappy when Americans do things like march into Third World countries or commit torture; their displays of moral indignation barely disguise their inner exultation that they have yet another reason to hate America and Americans.

Probably a misbegotten attempt to come to terms with the Nazi past: it's not easy to be German, either. A search for moral equivalence? Hitler was nasty but you're nastier?

Conversing with these persons is usually futile. They like to bait you and when you fall into their trap, they finally have reason to lash out at you. It's an obvious scapegoating, or as the Germans say, "mobbing" mechanism.

This is what happened to you on "Hart aber Fair." You made the error of generalizing about Germans. I disagree with your statement that Germany is not a genuine friend (to the extent that friendship can exist between states) of our country. However, that's easy for me to say: I wasn't sitting under those bright lights. I doubt if I, in such a hostile group, would have fared better.

By the way, I see Somuncu as a special case. Behind the brawler's mask is a sensitive and not unintelligent man who has been struggling with identity issues his entire life; hence his emphatic affirmation "we Germans" in his attacks. He knows very well that anti-Americanism has become a cornerstone of German identity; nothing like a shared enemy to strengthen one's sense of belonging.