Thursday, August 20, 2015

Die deutsche Kultur ist stagniert

Auf Facebook kamen die Vor- und Nachteile des öffentlichen Rundfunks zur Sprache, und ich war erstaunt, wie viele Ausreden für dessen Versagen man erfand. Da kann ich den Mund nicht halten: Die deutsche Kultur heute ist längst stagniert, und das staatliche Mäzenatentum, einschließlich das ÖF-System, trägt daran die Hauptschuld.

Vergleichen wir die deutsche Kultur heute mit der Kultur fast jeder anderen Epoche in Deutschland: In den kurzen 15 Jahren der Weimarer Republik hat Deutschland die Kunst, Literatur, Film, Musik und Popkultur revolutioniert. Fast jede Genre, von der heute Hollywood lebt, kommt aus Berlin dieser Zeit. Auch andere Epochen habe Großes vollbracht: Vor der BRD war man daran gewöhnt, das Deutschland eine der führende Länder in der Hoch- und Popkultur war.

Die Deutschen wollen es heute aus Gründen des Patriotismus und des Selbstbildes nicht zugeben, aber die Kultur der BRD liegt mit wenigen Ausnahmen  (Lola rennt war wirklich gut; im Bereich Kunst kann sich Deutschland schon sehen lassen) brach, aus dem Niveau des Biedermeier, oder noch schlimmer: Stagniert, irrelevant, uninteressant, peinlich.

Machen Sie selbst den Test: Stellen Sie sich vor, Sie schreiben in 100 Jahren ein Buch über die deutsche Kultur und haben 100 Seiten. Was kommt rein? Beethoven, das hohe Mittelalter, die Weimarer Republik, klar ... und was von der BRD würden Sie da rein bringen? Wenn überhaupt, dann die Generation Böll, Grass, Reich-Ranicki. Nur: Diese Generation war nicht in der BRD, sondern in der Weimarer Republik bzw. in der Nazi-Zeit sozialisiert. Nachdem diese robuste, kämpferische Generation weg war: Nichts.

„Kultur“ heute ist vor allem Popkultur: Das liefert die Sounds, die Bilder, die Ideen, die Ikonen, die Geschichten unseres Lebens. Und von den Beatles bis Murakami, von Stars Wars bis Breaking Bad, diese Kultur wird aus dem Ausland importiert, weil die in Deutschland hergestellte Kultur im Vergleich fade, mutlos und imitativ ist.

Der Grund: das staatliche Mäzenatentum dominiert die gesamt Hoch- und Popkultur, allen anderen voran das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, das von Politikern und politisch bestellten Gremien gelenkt wird und durch gesetzlich festgelegten Steuern finanziert wird: Das ist Staatsfernsehen; das ist das gleiche Mäzenatentum, das in obrigkeitsgläubigen Deutschland seit dem Mittelalter herrscht.

In den staatlichen Gremien, die das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem führen, sind die Staatsbeamte hochmotiviert, nicht negativ aufzufallen: Macht man etwas Neues oder Mutiges, und es floppt, ist man die Karriere los; macht man etwas, worüber ein Pastor im Rundfunkrat oder die Ehefrau eines Ministers abfällig äußert, ist die Karriere tot. Wer in der Popkultur in Deutschland eine Karriere hat, hat kapiert, dass er für Beamten arbeitet, und gestaltet seine Arbeit dementsprechend.

So funktioniert das Mäzenatentum: das ist Absicht. Der Staat benutzt sein Fernsehen, um sich ins Bild zu setzen und dem Publikum vorzumachen, dass sie in einer heilen Welt leben, in der, wie am Ende jedes Tatortes, alles von oben gut geregelt wird. Die Aufgabe des Staatsfernsehens ist es, im Volk Ruhe und Ordnung und Vertrauen im Staat zu inspirieren.

Das gilt nicht nur für das öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sondern auch für die Privaten in Deutschland, die es nie geschafft haben, über das Niveau der Öffentlich-Rechtlichen hinaus zu gehen. Der Grund: Das Staatsfernsehen mit seinen unzähligen regionalen und Spartenkanälen beherrscht die ganze Popkultur, weil sie so krakenartig groß ist, dass niemand daran vorbeikommt. Jeder, der Film oder Fernsehen lernt, lernt irgendwann in staatlichen Hochschulen oder in staatlichen Rundfunkanstalten; jeder, der in den Privaten was zu sagen hat, kommt aus den staatlichen Institutionen oder weiß, dass er irgendwann in seiner Karriere dahin kommt.

Die Ausreden, warum das Staatsfernsehen doch eine gute Sache ist, sind alle fadenscheinig und irrelevant:

- „Ich will, dass meine Kinder ohne Werbung fernsehen.“ Gäbe es Kika etc. nicht, entstünde eine Marktlücke im Bezahlfernsehen für TV ohne Werbung. In den USA schaut man das z.B., auf Netflix oder HBO. Und zahlen muss man so oder so: Mit den GEZ-Gebühren finanziert jedes kinderlose Ehepaar, jeder Student, jede Kneipe, jeder Opa die Kika mit. Warum sollten die Eltern nicht selber das Fernsehen ihrer Kinder finanzieren?

- „Ich will eine Alternative zu dem Scheiß der Privaten haben.“ Überraschung: Das Niveau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist nicht höher als das der Privaten. Tatort ist vielleicht langsamer als ein RTL-Copshow, aber nicht intelligenter und nicht kulturell wertvoller. Das Musikantenstadl ist nicht intellektueller als der Dschungelcamp. Im Gegenteil: Der Dschungelcamp hält der Gesellschaft eine unangenehme Spiegel vor, in dem man sieht, was für schreckliche Menschen diese Kultur hervorbringen kann. Der Musikantenstadl dagegen spiegelt der Gesellschaft eine heile Welt vor. In der Kulturgeschichte nennt man dieses Phänomen „Biedermeier“.

Das erste, was passiert, wenn das öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingestampft wird, ist folgendes: ein privates 24-Stunden-Volksmusikkanal wird auftauchen, gefolgt von einen „Bayern, kein schöner Land“-Regionalkanal, gefolgt von dem Tierdoku-Kanal, etc. Alles, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen ausstrahlt, kann man auch privat herstellen. Der Markt dafür gibt es ja.

- „Der Journalismus des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist viel besser.“ Naja, erstens nicht wirklich. Es ist sehr oft tendenziös und staatshörig, und ebenso oft verkennt es – genau wie die deutschen Zeitungen – die Grenze zwischen Berichterstattung und Meinung. Was die Tagesschau kann, können auch seriösen privaten Sender wie CNN oder CBS/ABC/NBC.

Abgesehen davon muss das öffentlich-rechtlichen Fernsehen und der Tagesschau nicht ganz verschwinden. Ich denke, Deutschland verträgt und rechtfertigt ein staatlicher Kanal, vielleicht zwei: Ein Kanal bleibt, produziert weiterhin Tatort, Polittalkshows und Tagesschau und hat jeden Tag ein 1- oder 2-stündiges regionales Fenster, der von einem kleinen regionalen Team produziert wird. Ein Tagesschau reicht: Es gibt kein Grund, dutzende von staatlich geführten Nachrichtensendungen zu produzieren. Daneben dann Arte, oder ein Kanal, der abwechselnd regionale „Die Oma von Nebenan“-Sendungen bringt. Der Staat muss nicht ganz auf sein Sprachkanal verzichten, er soll bloß die ganze Kultur nicht mit in den Abgrund  herunterreißen. 16 staatlich geführten und finanzierten regionalen Sender braucht kein Land, und wenn das Volk ein Theaterkanal will, soll es selber dafür mit Abos bezahlen.

- „Die BBC hat auch öffentlich-rechtliches Fernsehen, und sie produziert herrliche Dinge.“ Erstens, die englische Tradition ist weniger obrigkeitshörig als die deutsche, und das kommt der BBC zugute. Die englische Tradition ist deutlich staatskritischer und staatsunabhängiger als die deutsche. Das geht sogar auf Shakespeare/Goethe zurück: Shakespeare war Privatunternehmer, Goethe schrieb für Mäzenen. Dazu kommt, dass die BBC immer ein bisschen hinter dem eigenen Potential hinkt. Das Beste, was die BBC in den letzten Jahren produziert hat, war „The Office“ (in Deutschland „Stromberg“) – nach 2 Staffeln wurde es aus intern politischen Gründen gecancelt. Ricky Gervais musste nach Hollywood, um die Sendung neu zu machen und auf 9 Staffeln zu verlängern – wie es auch verdient hat.

Und vor allem: Dass es der BBC gelingt, tolle Sachen herzustellen, dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen aber nicht, obwohl das deutsche System grösser und teurer ist, ist doch der endgültige Beweis dafür, dass das deutsche System nicht zu retten ist.

- „Ich will nicht, dass unser Fernsehen so schlimm wird wie in Amerika“. Sorry, aber das ist schon der Fall. Nein, es ist noch schlimmer: Wir Amis verbrechen einiges, wenn es um Fernsehen geht, aber ein Musikantenstadl haben wir noch nicht auf dem Gewissen. Wer nach Amerika zeigt, zeigt nur auf das Schlimmste, was es dort gibt, von Lokalnachrichten bis Fox News. „Gott sei dank haben wir das nicht hier.“ Aber genau das habt ihr hier: Haben Sie jemals die Nachtrichten auf RTL2 geschaut? Wussten Sie, dass Fox News nur 2 Millionen Zuschauer hat – und dass die Bild Zeitung ebenso 2 Millionen Leser hat?

Was aber Amerika hat - und Deutschland nicht  - ist, neben dem Scheiße, die Qualität: Wer Kultur liebt, schaltet nämlich Dschungelcamp nicht ein, sondern Mad Men und Breaking Bad. Sendungen, die nicht nur mutig, neu und anspruchsvoll sind, sondern auch etwas über das Land aussagen, in dem sie hergestellt werden. Das ist die Definition von Kultur, und das kann Deutschland nicht. Und das nicht nur seit kurzem: Auch vor Mad Men musste Deutschland Holocaust, Roots/Würzel und Dallas importieren. (“Moment mal, Deutschland war nicht in der Lage, Holocaust zu drehen? Aber das ist doch alles in Deutschland passiert. Wissen sie den dort überhaupt, was Fernsehen ist?”)

In ein paar Generationen werden die Kinder auf das „Neue Biedermeier“ der BRD im frühen 21. Jahrhundert zurückblicken und sich fragen, warum man damals nicht merkte, dass die Kultur damals völlig stagniert war. Und jemand wird sagen: „Sie haben lieber Ausreden gemacht, als etwas zu ändern.“


Thursday, August 13, 2015

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Saturday, August 01, 2015

Macht Kapitalismus die Welt besser oder schlechter?


Auf Facebook hat jemand geschrieben:

„Das Problem im Kapitalismus ist, dass sich alles finanziell lohnen muss. Das bedeutet, dass schöne Dinge, die keinen finanziellen Nutzen haben, in so einem System nicht entstehen oder erhalten werden. Heute würde niemand mehr eine Kathedrale bauen, die keinen wirklichen Nutzen hat (lassen wir die Kirchendiskussion mal außen vor). Oder die Fuggerei, das war eine Spende. Ach was, ganz Köln war ein Geschenk der Römer damals! Oder die Pyramiden. Die letzteren sind zwar mit Sklavenarbeit entstanden, aber der weltliche Nutzen der Pyramiden ist gleich Null. Im Kapitalismus gibt es nur Glaspaläste von Versicherungen und Banken, aber keine wirklich großen Antriebe, wie zum Beispiel ein einheitliches Stadtbild, etwas schönes oder ähnliches. ...“

Meine Antwort:

Das Argument hört sich nur oberflächlich stark an. Bei der Überprüfung sieht man, dass Sie auf einen rhetorischen Fehler reingefallen sind: Sie haben das Wort “alles” benutzt: “alles muss sich finanziell lohnen”. Damit haben Sie den Kapitalismus großer gemacht, als es ist. Kapitalismus ist nur ein Wirtschaftssystem und damit nur ein Teilbereich einer Gesellschaft: Der richtige Satz müsste nicht „alles“ heißen, sondern “jedes Unternehmen“ muss sich finanziell lohnen. Das stimmt dann auch: Das Ziel der Kapitalismus ist gewinnbringende Unternehmen.

Kein Kapitalist, auch kein kapitalistischer Staat, ist nur ein Unternehmen und sonst gar nichts. Ein Staat, auch jeder kapitalistischer Staat, besteht aus Wirtschaft, Zivilgesetze, Kultur, Religion, etc. Eine Kirche genießt Steuerfreiheit nicht, weil es profitabel geführt werden muss, sondern, weil der Staat sie für gesellschaftlich relevant hält. Eine Schule wird vom Steuerzahler/Staat finanziert, weil der Staat glaubt, jeder soll eine Chance zum sozialen Aufstieg haben, nicht nur die Kinder der Reichen. Die wenigsten Entscheidungen, die ein Politiker trifft, haben etwas mit Profitstreben zu tun – weil die Wirtschaft nur ein Teil der Gesellschaft ist.

Auch einzelne Menschen sind nicht nur “Kapitalistin”, sondern mehr: Bill Gates wollte, nachdem er sich dumm und dämlich verdient hat, etwas für die Welt tun und hat einen großen Teil seines Vermögens gespendet. In Amerika nennen wir das “Philanthropy” - es wird von allen Reichen erwartet, dass sie der Gesellschaft etwas zurück geben. Sie tun das nicht aus Profitstreben, sondern weil sie neben ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten auch noch in der Gesellschaft leben. In Amerika sind so gut wie alle Kirchen, Museen und privaten Universitäten zum größten Teil von privaten Spenden gefördert, vermutlich von Menschen, die ihr Geld über kapitalistischen Mittel verdient haben – und siehe da, wir haben die größten Museen, Kirchen und Universitäten der Welt.

„Im Kapitalismus gibt es nur Glaspaläste...“ Das stimmt einfach nicht. Erstens, Glaspaläste entsprechen dem Schönheitsideal unserer Zeit, genau wie Fachwerk dem Schönheitsideal einer vergangenen Zeit entspricht, das hat mit Trends zu tun, nicht mit Profitdenken – im Gegenteil, die schönsten Europas von den großen Steinpalasten über die Fachwerkpalästen der alten Kaufleuten entstanden nicht aus Liebe sondern 1) aufgrund von der Ausbeutung der Armen und 2) als Statusstreben der Reichen. Die Liebe zur Schönheit war da zweitrangig. Und: An den Glaspalästen unserer Zeit verdienen nicht nur die Reichen.

„Im Kapitalismus gibt es ... keine wirklich großen Antriebe...“ Das Gegenteil ist der Fall. Historisch kam 75% des technischen und kulturellen Fortschritts aus kapitalistischen Ländern. Auch in Deutschland waren es die von Kaufleuten geführte Städten, die den Fortschritt brachten, nicht die adeligen Burgen.

Auch heute ist die Welt nur noch von großen kapitalistischen Antrieben geprägt: Der Erfolg des Internets, die großen medizinischen Fortschritten, auch, um auf Deutschland zu kommen, das Auto – alles Kapitalismus. Selbst das Flüchtlingsproblem (Klartext: Massenmigration, die die Welt verändert) ist entstanden, weil Menschen aus armen Ländern in das reiche kapitalistischen Europa wollen – nicht um den Kölner Dom zu gucken, sondern, weil sie im Kapitalismus leben wollen.

Auch Ihre Beispiele zeigen, dass der Kapitalismus nicht “alles” ist im Leben eines Menschen oder einer Gesellschaft: Die Fugger waren unter den ersten wirklich großen Kapitalisten Deutschlands, ihr Erfolg bannte den Weg für den erfolgreichen deutschen Kapitalismus. Die Familie hat unter anderem die Fuggerei gespendet – nachdem sie reich waren – weil sie 1) der Gesellschaft etwas zurück geben wollten – sie lebten ja mit ihren Mitarbeitern, sie kannten ihre Mitmenschen und ihre Städte, neben ihrer Sorge um Profit machten sie sich schon auch Sorgen und die Zukunft und den Wohlstand ihrer Gemeinde – und 2) weil sie sozialen Status erreichen wollten: Sie gehörten zu den missachteten Kaufmannsleuten und strebten den sozial höheren Adelsschicht an. Am Ende bekamen sie auch den heiß erwünschtem Adelstitel, und sie mussten eine Menge dafür blechen. Statusstreben, die von Gesellschaft zu Gesellschaft anders definiert wird, hat auch nichts mit Kapitalismus zu tun und widerspricht oft dem Prinzip “Profitstreben”. Es ist aber auch ein Teil der Gesellschaft.

Deutschland hatte den Kölner Dom, es stimmt – Amerika hat einen Menschen auf den Mond gesetzt. Auch wenn eine Menge Technik dabei rausgesprungen ist, hatte das mit Profitstreben nichts zu tun, sondern mit nationaler Identität, und hat auch eine Menge gekostet. Ebenso die Eisenbahn im 19. Jahrhundert, das ging auf Steuerzahlertasche und auch wenn einige windige Kapitalisten den Staat ausgenommen haben, der Staat hat sich nicht aus Profitstreben ausnehmen lassen, sondern, weil er das für politisch notwendig hielt.

Auch die Regulierung des Kapitalismus kommt nicht aus Profitstreben, sondern aus dem Wunsch nach Stabilität und Chancengleichheit. Deshalb hat Amerika in 19. Jahrhundert die Anti-Kartell-Gesetze eingeführt, die den Kapitalismus stark begrenzt haben, deshalb hat Amerika neulich das Dodds-Frank-Gesetz eingeführt.

Es gehört zu den merkwürdigen Paradoxien des Lebens, dass kapitalistische Länder oft die selbstlosesten sind (damit meine ich nicht nur Amerika, sondern auch Deutschland – doch doch, Deutschland ist ein vorbildlich erfolgreiches kapitalistisches Land, vielleicht noch erfolgreicher als Amerika). Sie finden keine großzügigeren Menschen auf der Welt als in Amerika, und auch keine Menschen, die mehr Wert auf Lebensqualität – Bildung, Kultur, Spiritualität, gesellschaftlich Fairness – legen als Amerikaner. Schauen sie sich sine einen Disneyfilm an – werden da die Vorzüge des Profitstrebens gepredigt? Im Gegenteil, da werden ständig wirtschaftlich erfolgreiche Menschen (Vorbild: Der Vater in Mary Poppins) die Lektion beigebracht, dass Familie, Liebe, Schönheit und Natur die wichtigsten Werte sind. Heute werden die wichtigsten und nicht-kapitalistischsten Werte der Welt aus gerechnet aus dem kapitalistischen Amerika exportiert – unsere Popkultur, von Breakign Bad bis Mad Men, ist hochgradig Kapitalismuskritisch, viel kritischer als deutscher Popkultur, und DER Moraltrend unserer Zeit kommt auch aus Amerika: Gleichheit für Schwulen und der LGBT-Gemeinde. All das hat mit Profitdenken nichts zu tun.

Moderne Kapitalismuskritik funktioniert meist aufgrund von Pauschalisierungen und falscher Information – die Aussage, in einem kapitalistischen geführten Staat müsse “alles” aus Profitstreben passieren, ist ein solcher demagogischer/populistischer Satz, der nur funktioniert, wenn Menschen bereit sind, es zu schlucken, ohne darüber nachzudenken.