Die deutsche Kultur ist stagniert

Auf Facebook kamen die Vor- und Nachteile des öffentlichen Rundfunks zur Sprache, und ich war erstaunt, wie viele Ausreden für dessen Versagen man erfand. Da kann ich den Mund nicht halten: Die deutsche Kultur heute ist längst stagniert, und das staatliche Mäzenatentum, einschließlich das ÖF-System, trägt daran die Hauptschuld.

Vergleichen wir die deutsche Kultur heute mit der Kultur fast jeder anderen Epoche in Deutschland: In den kurzen 15 Jahren der Weimarer Republik hat Deutschland die Kunst, Literatur, Film, Musik und Popkultur revolutioniert. Fast jede Genre, von der heute Hollywood lebt, kommt aus Berlin dieser Zeit. Auch andere Epochen habe Großes vollbracht: Vor der BRD war man daran gewöhnt, das Deutschland eine der führende Länder in der Hoch- und Popkultur war.

Die Deutschen wollen es heute aus Gründen des Patriotismus und des Selbstbildes nicht zugeben, aber die Kultur der BRD liegt mit wenigen Ausnahmen  (Lola rennt war wirklich gut; im Bereich Kunst kann sich Deutschland schon sehen lassen) brach, aus dem Niveau des Biedermeier, oder noch schlimmer: Stagniert, irrelevant, uninteressant, peinlich.

Machen Sie selbst den Test: Stellen Sie sich vor, Sie schreiben in 100 Jahren ein Buch über die deutsche Kultur und haben 100 Seiten. Was kommt rein? Beethoven, das hohe Mittelalter, die Weimarer Republik, klar ... und was von der BRD würden Sie da rein bringen? Wenn überhaupt, dann die Generation Böll, Grass, Reich-Ranicki. Nur: Diese Generation war nicht in der BRD, sondern in der Weimarer Republik bzw. in der Nazi-Zeit sozialisiert. Nachdem diese robuste, kämpferische Generation weg war: Nichts.

„Kultur“ heute ist vor allem Popkultur: Das liefert die Sounds, die Bilder, die Ideen, die Ikonen, die Geschichten unseres Lebens. Und von den Beatles bis Murakami, von Stars Wars bis Breaking Bad, diese Kultur wird aus dem Ausland importiert, weil die in Deutschland hergestellte Kultur im Vergleich fade, mutlos und imitativ ist.

Der Grund: das staatliche Mäzenatentum dominiert die gesamt Hoch- und Popkultur, allen anderen voran das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem, das von Politikern und politisch bestellten Gremien gelenkt wird und durch gesetzlich festgelegten Steuern finanziert wird: Das ist Staatsfernsehen; das ist das gleiche Mäzenatentum, das in obrigkeitsgläubigen Deutschland seit dem Mittelalter herrscht.

In den staatlichen Gremien, die das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem führen, sind die Staatsbeamte hochmotiviert, nicht negativ aufzufallen: Macht man etwas Neues oder Mutiges, und es floppt, ist man die Karriere los; macht man etwas, worüber ein Pastor im Rundfunkrat oder die Ehefrau eines Ministers abfällig äußert, ist die Karriere tot. Wer in der Popkultur in Deutschland eine Karriere hat, hat kapiert, dass er für Beamten arbeitet, und gestaltet seine Arbeit dementsprechend.

So funktioniert das Mäzenatentum: das ist Absicht. Der Staat benutzt sein Fernsehen, um sich ins Bild zu setzen und dem Publikum vorzumachen, dass sie in einer heilen Welt leben, in der, wie am Ende jedes Tatortes, alles von oben gut geregelt wird. Die Aufgabe des Staatsfernsehens ist es, im Volk Ruhe und Ordnung und Vertrauen im Staat zu inspirieren.

Das gilt nicht nur für das öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sondern auch für die Privaten in Deutschland, die es nie geschafft haben, über das Niveau der Öffentlich-Rechtlichen hinaus zu gehen. Der Grund: Das Staatsfernsehen mit seinen unzähligen regionalen und Spartenkanälen beherrscht die ganze Popkultur, weil sie so krakenartig groß ist, dass niemand daran vorbeikommt. Jeder, der Film oder Fernsehen lernt, lernt irgendwann in staatlichen Hochschulen oder in staatlichen Rundfunkanstalten; jeder, der in den Privaten was zu sagen hat, kommt aus den staatlichen Institutionen oder weiß, dass er irgendwann in seiner Karriere dahin kommt.

Die Ausreden, warum das Staatsfernsehen doch eine gute Sache ist, sind alle fadenscheinig und irrelevant:

- „Ich will, dass meine Kinder ohne Werbung fernsehen.“ Gäbe es Kika etc. nicht, entstünde eine Marktlücke im Bezahlfernsehen für TV ohne Werbung. In den USA schaut man das z.B., auf Netflix oder HBO. Und zahlen muss man so oder so: Mit den GEZ-Gebühren finanziert jedes kinderlose Ehepaar, jeder Student, jede Kneipe, jeder Opa die Kika mit. Warum sollten die Eltern nicht selber das Fernsehen ihrer Kinder finanzieren?

- „Ich will eine Alternative zu dem Scheiß der Privaten haben.“ Überraschung: Das Niveau des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist nicht höher als das der Privaten. Tatort ist vielleicht langsamer als ein RTL-Copshow, aber nicht intelligenter und nicht kulturell wertvoller. Das Musikantenstadl ist nicht intellektueller als der Dschungelcamp. Im Gegenteil: Der Dschungelcamp hält der Gesellschaft eine unangenehme Spiegel vor, in dem man sieht, was für schreckliche Menschen diese Kultur hervorbringen kann. Der Musikantenstadl dagegen spiegelt der Gesellschaft eine heile Welt vor. In der Kulturgeschichte nennt man dieses Phänomen „Biedermeier“.

Das erste, was passiert, wenn das öffentlich-rechtlichen Fernsehen eingestampft wird, ist folgendes: ein privates 24-Stunden-Volksmusikkanal wird auftauchen, gefolgt von einen „Bayern, kein schöner Land“-Regionalkanal, gefolgt von dem Tierdoku-Kanal, etc. Alles, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen ausstrahlt, kann man auch privat herstellen. Der Markt dafür gibt es ja.

- „Der Journalismus des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ist viel besser.“ Naja, erstens nicht wirklich. Es ist sehr oft tendenziös und staatshörig, und ebenso oft verkennt es – genau wie die deutschen Zeitungen – die Grenze zwischen Berichterstattung und Meinung. Was die Tagesschau kann, können auch seriösen privaten Sender wie CNN oder CBS/ABC/NBC.

Abgesehen davon muss das öffentlich-rechtlichen Fernsehen und der Tagesschau nicht ganz verschwinden. Ich denke, Deutschland verträgt und rechtfertigt ein staatlicher Kanal, vielleicht zwei: Ein Kanal bleibt, produziert weiterhin Tatort, Polittalkshows und Tagesschau und hat jeden Tag ein 1- oder 2-stündiges regionales Fenster, der von einem kleinen regionalen Team produziert wird. Ein Tagesschau reicht: Es gibt kein Grund, dutzende von staatlich geführten Nachrichtensendungen zu produzieren. Daneben dann Arte, oder ein Kanal, der abwechselnd regionale „Die Oma von Nebenan“-Sendungen bringt. Der Staat muss nicht ganz auf sein Sprachkanal verzichten, er soll bloß die ganze Kultur nicht mit in den Abgrund  herunterreißen. 16 staatlich geführten und finanzierten regionalen Sender braucht kein Land, und wenn das Volk ein Theaterkanal will, soll es selber dafür mit Abos bezahlen.

- „Die BBC hat auch öffentlich-rechtliches Fernsehen, und sie produziert herrliche Dinge.“ Erstens, die englische Tradition ist weniger obrigkeitshörig als die deutsche, und das kommt der BBC zugute. Die englische Tradition ist deutlich staatskritischer und staatsunabhängiger als die deutsche. Das geht sogar auf Shakespeare/Goethe zurück: Shakespeare war Privatunternehmer, Goethe schrieb für Mäzenen. Dazu kommt, dass die BBC immer ein bisschen hinter dem eigenen Potential hinkt. Das Beste, was die BBC in den letzten Jahren produziert hat, war „The Office“ (in Deutschland „Stromberg“) – nach 2 Staffeln wurde es aus intern politischen Gründen gecancelt. Ricky Gervais musste nach Hollywood, um die Sendung neu zu machen und auf 9 Staffeln zu verlängern – wie es auch verdient hat.

Und vor allem: Dass es der BBC gelingt, tolle Sachen herzustellen, dem deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen aber nicht, obwohl das deutsche System grösser und teurer ist, ist doch der endgültige Beweis dafür, dass das deutsche System nicht zu retten ist.

- „Ich will nicht, dass unser Fernsehen so schlimm wird wie in Amerika“. Sorry, aber das ist schon der Fall. Nein, es ist noch schlimmer: Wir Amis verbrechen einiges, wenn es um Fernsehen geht, aber ein Musikantenstadl haben wir noch nicht auf dem Gewissen. Wer nach Amerika zeigt, zeigt nur auf das Schlimmste, was es dort gibt, von Lokalnachrichten bis Fox News. „Gott sei dank haben wir das nicht hier.“ Aber genau das habt ihr hier: Haben Sie jemals die Nachtrichten auf RTL2 geschaut? Wussten Sie, dass Fox News nur 2 Millionen Zuschauer hat – und dass die Bild Zeitung ebenso 2 Millionen Leser hat?

Was aber Amerika hat - und Deutschland nicht  - ist, neben dem Scheiße, die Qualität: Wer Kultur liebt, schaltet nämlich Dschungelcamp nicht ein, sondern Mad Men und Breaking Bad. Sendungen, die nicht nur mutig, neu und anspruchsvoll sind, sondern auch etwas über das Land aussagen, in dem sie hergestellt werden. Das ist die Definition von Kultur, und das kann Deutschland nicht. Und das nicht nur seit kurzem: Auch vor Mad Men musste Deutschland Holocaust, Roots/Würzel und Dallas importieren. (“Moment mal, Deutschland war nicht in der Lage, Holocaust zu drehen? Aber das ist doch alles in Deutschland passiert. Wissen sie den dort überhaupt, was Fernsehen ist?”)

In ein paar Generationen werden die Kinder auf das „Neue Biedermeier“ der BRD im frühen 21. Jahrhundert zurückblicken und sich fragen, warum man damals nicht merkte, dass die Kultur damals völlig stagniert war. Und jemand wird sagen: „Sie haben lieber Ausreden gemacht, als etwas zu ändern.“


Comments

Anonymous said…
Hallo,
bei der Aufzählung der herausragenden BBC Sendungen der letzten Jahre wurde nach meiner Meinung die Sendung Top Gear mit J. Clarkson und Co. ausgelassen. Einen derartigen Klassiker gibt es aus Deutschland seit der Schwarzwaldklinik(ZDF) nicht mehr.
MfG
Sommer

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