Macht Kapitalismus die Welt besser oder schlechter?


Auf Facebook hat jemand geschrieben:

„Das Problem im Kapitalismus ist, dass sich alles finanziell lohnen muss. Das bedeutet, dass schöne Dinge, die keinen finanziellen Nutzen haben, in so einem System nicht entstehen oder erhalten werden. Heute würde niemand mehr eine Kathedrale bauen, die keinen wirklichen Nutzen hat (lassen wir die Kirchendiskussion mal außen vor). Oder die Fuggerei, das war eine Spende. Ach was, ganz Köln war ein Geschenk der Römer damals! Oder die Pyramiden. Die letzteren sind zwar mit Sklavenarbeit entstanden, aber der weltliche Nutzen der Pyramiden ist gleich Null. Im Kapitalismus gibt es nur Glaspaläste von Versicherungen und Banken, aber keine wirklich großen Antriebe, wie zum Beispiel ein einheitliches Stadtbild, etwas schönes oder ähnliches. ...“

Meine Antwort:

Das Argument hört sich nur oberflächlich stark an. Bei der Überprüfung sieht man, dass Sie auf einen rhetorischen Fehler reingefallen sind: Sie haben das Wort “alles” benutzt: “alles muss sich finanziell lohnen”. Damit haben Sie den Kapitalismus großer gemacht, als es ist. Kapitalismus ist nur ein Wirtschaftssystem und damit nur ein Teilbereich einer Gesellschaft: Der richtige Satz müsste nicht „alles“ heißen, sondern “jedes Unternehmen“ muss sich finanziell lohnen. Das stimmt dann auch: Das Ziel der Kapitalismus ist gewinnbringende Unternehmen.

Kein Kapitalist, auch kein kapitalistischer Staat, ist nur ein Unternehmen und sonst gar nichts. Ein Staat, auch jeder kapitalistischer Staat, besteht aus Wirtschaft, Zivilgesetze, Kultur, Religion, etc. Eine Kirche genießt Steuerfreiheit nicht, weil es profitabel geführt werden muss, sondern, weil der Staat sie für gesellschaftlich relevant hält. Eine Schule wird vom Steuerzahler/Staat finanziert, weil der Staat glaubt, jeder soll eine Chance zum sozialen Aufstieg haben, nicht nur die Kinder der Reichen. Die wenigsten Entscheidungen, die ein Politiker trifft, haben etwas mit Profitstreben zu tun – weil die Wirtschaft nur ein Teil der Gesellschaft ist.

Auch einzelne Menschen sind nicht nur “Kapitalistin”, sondern mehr: Bill Gates wollte, nachdem er sich dumm und dämlich verdient hat, etwas für die Welt tun und hat einen großen Teil seines Vermögens gespendet. In Amerika nennen wir das “Philanthropy” - es wird von allen Reichen erwartet, dass sie der Gesellschaft etwas zurück geben. Sie tun das nicht aus Profitstreben, sondern weil sie neben ihrer wirtschaftlichen Tätigkeiten auch noch in der Gesellschaft leben. In Amerika sind so gut wie alle Kirchen, Museen und privaten Universitäten zum größten Teil von privaten Spenden gefördert, vermutlich von Menschen, die ihr Geld über kapitalistischen Mittel verdient haben – und siehe da, wir haben die größten Museen, Kirchen und Universitäten der Welt.

„Im Kapitalismus gibt es nur Glaspaläste...“ Das stimmt einfach nicht. Erstens, Glaspaläste entsprechen dem Schönheitsideal unserer Zeit, genau wie Fachwerk dem Schönheitsideal einer vergangenen Zeit entspricht, das hat mit Trends zu tun, nicht mit Profitdenken – im Gegenteil, die schönsten Europas von den großen Steinpalasten über die Fachwerkpalästen der alten Kaufleuten entstanden nicht aus Liebe sondern 1) aufgrund von der Ausbeutung der Armen und 2) als Statusstreben der Reichen. Die Liebe zur Schönheit war da zweitrangig. Und: An den Glaspalästen unserer Zeit verdienen nicht nur die Reichen.

„Im Kapitalismus gibt es ... keine wirklich großen Antriebe...“ Das Gegenteil ist der Fall. Historisch kam 75% des technischen und kulturellen Fortschritts aus kapitalistischen Ländern. Auch in Deutschland waren es die von Kaufleuten geführte Städten, die den Fortschritt brachten, nicht die adeligen Burgen.

Auch heute ist die Welt nur noch von großen kapitalistischen Antrieben geprägt: Der Erfolg des Internets, die großen medizinischen Fortschritten, auch, um auf Deutschland zu kommen, das Auto – alles Kapitalismus. Selbst das Flüchtlingsproblem (Klartext: Massenmigration, die die Welt verändert) ist entstanden, weil Menschen aus armen Ländern in das reiche kapitalistischen Europa wollen – nicht um den Kölner Dom zu gucken, sondern, weil sie im Kapitalismus leben wollen.

Auch Ihre Beispiele zeigen, dass der Kapitalismus nicht “alles” ist im Leben eines Menschen oder einer Gesellschaft: Die Fugger waren unter den ersten wirklich großen Kapitalisten Deutschlands, ihr Erfolg bannte den Weg für den erfolgreichen deutschen Kapitalismus. Die Familie hat unter anderem die Fuggerei gespendet – nachdem sie reich waren – weil sie 1) der Gesellschaft etwas zurück geben wollten – sie lebten ja mit ihren Mitarbeitern, sie kannten ihre Mitmenschen und ihre Städte, neben ihrer Sorge um Profit machten sie sich schon auch Sorgen und die Zukunft und den Wohlstand ihrer Gemeinde – und 2) weil sie sozialen Status erreichen wollten: Sie gehörten zu den missachteten Kaufmannsleuten und strebten den sozial höheren Adelsschicht an. Am Ende bekamen sie auch den heiß erwünschtem Adelstitel, und sie mussten eine Menge dafür blechen. Statusstreben, die von Gesellschaft zu Gesellschaft anders definiert wird, hat auch nichts mit Kapitalismus zu tun und widerspricht oft dem Prinzip “Profitstreben”. Es ist aber auch ein Teil der Gesellschaft.

Deutschland hatte den Kölner Dom, es stimmt – Amerika hat einen Menschen auf den Mond gesetzt. Auch wenn eine Menge Technik dabei rausgesprungen ist, hatte das mit Profitstreben nichts zu tun, sondern mit nationaler Identität, und hat auch eine Menge gekostet. Ebenso die Eisenbahn im 19. Jahrhundert, das ging auf Steuerzahlertasche und auch wenn einige windige Kapitalisten den Staat ausgenommen haben, der Staat hat sich nicht aus Profitstreben ausnehmen lassen, sondern, weil er das für politisch notwendig hielt.

Auch die Regulierung des Kapitalismus kommt nicht aus Profitstreben, sondern aus dem Wunsch nach Stabilität und Chancengleichheit. Deshalb hat Amerika in 19. Jahrhundert die Anti-Kartell-Gesetze eingeführt, die den Kapitalismus stark begrenzt haben, deshalb hat Amerika neulich das Dodds-Frank-Gesetz eingeführt.

Es gehört zu den merkwürdigen Paradoxien des Lebens, dass kapitalistische Länder oft die selbstlosesten sind (damit meine ich nicht nur Amerika, sondern auch Deutschland – doch doch, Deutschland ist ein vorbildlich erfolgreiches kapitalistisches Land, vielleicht noch erfolgreicher als Amerika). Sie finden keine großzügigeren Menschen auf der Welt als in Amerika, und auch keine Menschen, die mehr Wert auf Lebensqualität – Bildung, Kultur, Spiritualität, gesellschaftlich Fairness – legen als Amerikaner. Schauen sie sich sine einen Disneyfilm an – werden da die Vorzüge des Profitstrebens gepredigt? Im Gegenteil, da werden ständig wirtschaftlich erfolgreiche Menschen (Vorbild: Der Vater in Mary Poppins) die Lektion beigebracht, dass Familie, Liebe, Schönheit und Natur die wichtigsten Werte sind. Heute werden die wichtigsten und nicht-kapitalistischsten Werte der Welt aus gerechnet aus dem kapitalistischen Amerika exportiert – unsere Popkultur, von Breakign Bad bis Mad Men, ist hochgradig Kapitalismuskritisch, viel kritischer als deutscher Popkultur, und DER Moraltrend unserer Zeit kommt auch aus Amerika: Gleichheit für Schwulen und der LGBT-Gemeinde. All das hat mit Profitdenken nichts zu tun.

Moderne Kapitalismuskritik funktioniert meist aufgrund von Pauschalisierungen und falscher Information – die Aussage, in einem kapitalistischen geführten Staat müsse “alles” aus Profitstreben passieren, ist ein solcher demagogischer/populistischer Satz, der nur funktioniert, wenn Menschen bereit sind, es zu schlucken, ohne darüber nachzudenken.

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