DIE WACHABLÖSUNG


DIE WACHABLÖSUNG

Was gerade in Amerika und in der ganzen westlichen Welt passiert, ist eine Wachablösung.

Seit der 68er-Revolution sind die Revoluzzer von gestern zum Establishment von heute geworden und inzwischen genauso verknöchert wie das Establishment damals. Irgendwann muss jedes Establishment rausgeschmissen werden, im Guten wie im Bösen, und das passiert jetzt. Es dünkt mir, ich werde das neue Establishment weniger mögen als das alte, aber die Mehrheit der Amerikaner und der Europäer sind offenbar anderer Meinung.

Dass es Zeit wird, dass das alte Establishment rausgeschmissen wird, merkt man an der Stagnation unserer Kultur: Damals hatten wir Grass und Böll, heute haben wir Daniel Kehlmann; damals Beatles und Stones, heute Adele und 50 Cent. Damals, als Dylan über die changing times sang, hatte er sicher auch nie geglaubt, er würde einmal im Smoking in Stockholm stehen und den Nobelpreis in Empfang nehmen.

Dazu kommt, dass die revolutionären Anliegen der 68er, vom Sozialismus über freie Liebe bis hin zu verschiedenen liberalen Werten, weitgehend verwirklicht worden sind. Meine Mutter hätte es nie zugeben können, wenn sie vorehelichen Sex hatte, wenn heute ein Mädchen mit 18 noch Jungfrau ist, lacht die eigene Mama es aus. Und in den höchsten Ämtern Deutschlands und Amerikas sitzen eine Frau und ein Schwarzer. Man kann argumentieren, dass es noch viel zu tun gibt, aber man kann nicht leugnen, dass die Revolution gelungen ist.

Im Gegenteil: Wir verspüren heute immer wieder – wohl aus moralischer Verpflichtung gegenüber unserer Großeltern – auch das Bedürfnis, zu rebellieren, finden aber keine großen Themen. Irgendwann landen wir dann bei Rechten für Trans-Gender-Menschen, oder wir protestieren dagegen, dass Bauarbeiter Frauen nachpfeifen. Leute, die 68er-Generation hat den Vietnamkrieg beendet und gleiche Rechte für Schwarze endlich durchgesetzt. Veganer werden ist nicht auf dem gleichen Niveau. Unsere Ideologien sind klein geworden, und wir stecken eine Menge Energie in etwas rein, was eigentlich viel weniger Energie verdient.

WAS WÜRDE MARX SAGEN?

Ein klassischer Marxist würde das sogar „Klassenkampf“ nennen:

Es ist ja immer die herrschende Klasse, die die gültigen Benimmregeln definiert. Die unteren Klassen übernehmen diese Regeln nach vielen Jahren, aber bis dahin funktionieren sie als Abgrenzung: Wer die Benimmregeln der herrschenden Klasse akzeptiert, gehört zur herrschenden Klasse; wer es nicht tut, ist „einer von uns“. Seit dem Mittelalter wurde diese Methode benutzt, um Obrigkeit vom Untertan zu unterscheiden (mein Gott, bin ich denn wirklich der einzige hier, der in der Schule den Sonnenkönig durchgenommen hat)?

Als Trump in aller Öffentlichkeit sexistische Prahlereien von sich gab, Ausländer und Minderheiten abfällig behandelte und sich über Behinderte lustig machte, übertrat er die Benimmregeln der politischen Korrektheit, und das herrschende Bürgertum war entsetzt. Hätte er ein solches Verhalten als Junge um den Esstisch in den Hügeln von Kentucky an den Tag gelegt, hätte Mama ihm eine Ohrfeige verpasst – aber eine eher zärtliche Ohrfeige, denn sie weiß, „er kann sich nicht benehmen, aber tief im Herzen ist er ein guter Junge“. So funktionieren die Unterklassen – sie identifizieren sich nicht über die Benimmregen der Obrigkeit, sondern, sie identifizieren die Obrigkeit anhand ihrer Benimmregeln, und Trump, der Multimillionär, hat mit seinem Verhalten die herrschende Klasse vorgeführt – auf eine Weise, die nur die Unterklassen verstanden.

Womit er ihnen auch noch gezeigt hat, wo er tief im Herzen (bzw. sein eingewanderter Großvater) herkommt: aus der Unterschicht. Und selbst als Millionär hält er dieser einfachen Herkunft die Treue, mag er inzwischen auch mit silbernen Löffeln essen. Was auch ein ganz wichtiges Versprechen des amerikanischen Traums personifiziert: Ich bin einer von unten, wie ihr, aber ich habe es ganz nach oben geschafft, und das könnt ihr auch! If I can make it there, you can make it anywhere!

Hillary, auf der anderen Seite, hat keinen Umgang mit den Unterklassen, für die sie angeblich (und auch praktisch) kämpft. Sie verhält sich wie ein klassischer Anwalt, der die herrschenden Klassen vertritt. Als ihr vorgeworfen wurde, E-Mails von ihrem privaten Konto auf dem Server der Secret Service abgeschickt zu haben – nichts weiter als eine Übertretung der Vorschriften, eine Ordnungswidrigkeit – hat sie wie eine klassische Anwältin reagiert: Erst mal kategorisch widersprechen und gucken, ob die Gegenseite Beweise hat, dann weiter sehen. Die Unterklassen kennen das – sie werden ihr ganzes Leben lang von diesen Scheißanwälten an der Nase rumgeführt, sie kennen die Sprache, die diese Typen benutzen. Sie haben in dem Moment Hillary als das erkannt, was sie ist: Zu der Oberklasse gehörig.

Hätte Hillary gesagt, „Ach du Scheiße, ich habe den falschen Server benutzt, Mannomann, diese Vorschriften, es gibt einfach zu viele, man kann sie nicht alle auswendig lernen, ich versuche hier, das Richtige für mein Land zu tun und da kommt immer einer daher und sagt, aber du hast etwas falsch formuliert, oder den falschen Antrag ausgefüllt, und schon muss man sich den ganzen Tag lang mit Kleinkram beschäftigen, das macht mich fertig!“ hätte man ihr alles verziehen. Sofort! Aber die Anwältin in ihr konnte das nicht.

Ich weiß, dass viele Bürgerliche, die das hier lesen, ihre Benimmregeln für universell erachten. Sie sind es aber nicht. Für sie also noch einmal im Klartext: Politische Korrektheit ist ein Identifikationsmerkmal der bürgerlichen Klasse und kann die unteren Klassen nicht beeindrucken. Deswegen – und das ist die einzige Erklärung, die ich finde – habe so viele Bevölkerungsgruppen, die von Trump beleidigt wurden, ihn trotzdem gewählt.

WIE HEISST DAS NEUE ESTABLISHMENT?

Die Revolution – das neue Establishment – heißt Nationalismus.

Viele Menschen halten Nationalismus für ein rein politisch-moralisches Konzept. Nationalismus äußert sich heute aber vor allem ökonomisch: Wirtschaftlicher Nationalismus ist das Gegenteil von Globalisierung, Freihandel und von politischen Verbünden wie die EU.

Dieser Nationalismus fing in Europa unter den Linken an, die den nationalistischem Aspekt verdrängten und so taten, als ob es ihnen um Kapitalismuskritik ging, obwohl die Anti-Globalisierungs-Bewegung sich fast ausschließlich gegen Amerika richtete. Wenn man von „großen internationalen Unternehmen“ spricht, meint man immer Google, Facebook & Co., niemals Siemens, Mercedes und die Deutsche Bank, und das machte es möglich, dass der Deutsche stolz darauf sein konnte, dass sein Land Export(vize)weltmeister war und gleichzeitig die Globalisierung beklagen konnte.

Auch der bizarre Kampf einer Exportnation gegen den Freihandel (von dem Deutschland seit den 1950ern profitiert, der aber erst in Verruf geraten ist, als ein Vertrag mit Amerika geschlossen werden sollte) war ebenso Nationalismus und die Ablehnung der EU, über der schließlich die AfD entstanden ist, war bloß Nationalismus. Man beklagte sich – ausgerechnet als Deutscher – über die Bürokratie und eine stärkere Ausrede benötigte niemand, um die aufgehobenen Grenzen zu den ärmeren, bedürftigeren europäischen Ländern wieder herbeizuwünschen.

All diese Phänomene, die sich nicht offen als Nationalismus deklarierten, wurden von rechts und links gleichermaßen betrieben und ebneten den Weg für den politischen Nationalismus, der jetzt in voller Blüte vor uns steht.

In Amerika hatten Bill und Hillary Clinton die Globalisierung vorangetrieben und Obama war ausdrücklich Internationalist, der eine starke EU wünschte und durch TTIP und die TPP versuchte, alle demokratischen Länder jenseits der beiden Ozeane enger zusammen zu binden. Sie gehörten alle drei zur 68er Generation – jetzt wurde diese Generation und ihr Internationalismus abgewählt.

Trump ist nicht der erste Nationalist der neuen politischen Generation – ihm sind viele Europäer voran gegangen: Orban, Kachinsky, Putin, Farage und Johnson, Marine LePen, die AfD und andere. Trump war auch nur der vorläufige Höhepunkt: Bei der nächsten Bundestagswahl werden wohl zwischen 20% und 30% der Stimmen an die AfD gehen. Ich wäre überrascht, wenn die Afd nicht in die Regierung kommt.

WAS WIRD NICHT PASSIEREN?

Trump hat keinerlei politischen Erfahrung und es ist nicht möglich, seine reale Politik der nächsten vier Jahre einzuschätzen. Trotzdem kann man mit einiger Sicherheit sagen, dass erstmal nichts so heiß gegessen wie gekocht wird. Trump wird z.B. als Rassist und Frauenfeind verschrien, aber viele dieser Vorwürfe sind übertrieben.

Seine Sprüche von Mexikanern und Migranten: Er will illegale Einwanderer rausschmeißen. Naja, auch die meisten deutschen und europäischen Politiker wollen Asylbetrüger abschieben, in Europa gehören solche Sprüche zum Alltag von respektierten Politikern, z.B. Seehofer. Wir regen uns nicht weiter über sie auf.

Die europäische Norm ist noch viel rassistischer als Trumps Ausfälle: In Deutschland gibt es kein Einwanderungsgesetz – niemand darf einfach so rein spazieren, weil er hier ein besseres Leben sucht, sondern, er muss politisch verfolgt sein. Und wenn er das nicht ist, kann er noch nach 13 Jahren, die er perfekt integriert hier verbracht hat, abgeschoben werden. In Amerika werden über 1 Million ganz legale Einwanderer jedes Jahr eingelassen – dagegen hat Trump nie was gesagt, nur gegen die Illegalen. Nach europäischen Verhältnissen ist das eine radikal fremdenfreundliche Einstellung.

Die Überwachung von Muslimen: Trump will Muslime insgesamt raushalten – das ist aber verfassungswidrig, das schafft er nicht. Er will auch alle Muslime überwachen lassen. Naja, das ist erst mal auch verfassungswidrig und dazu kommt, dass den Behörden dazu das Personal fehlt. Praktisch kann er (vermute ich) nur so weit gehen, verdächtige Muslime überwachen zu lassen – naja, das macht aber die NSA sowieso schon und in Deutschland der Verfassungsschutz. Er kann das ganze intensivieren, er kann sogar „racial profiling“ wieder zur Norm erklären – aber alle Muslime rausschmeißen, überwachen lassen oder in KZs schmeißen – das kann und wird er nicht. Selbst wenn das Klima für Muslime insgesamt kälter wird – was durchaus möglich ist, hier ein Vergleich: In Deutschland werden 800 Straftaten gegen Asylbewerber jedes Jahr verbrochen – so viel Schaden wird Amerika auch unter Trump nicht anrichten können.

Trump begrabscht Frauen, stimmt. Aber er wird kein Gesetz erlassen, das von Frauen fordert, sich begrabschen zu lassen. Er hat auch keine Pläne für ein Mutterkreuz. Er ist ein Chauvi, aber nichts in seinen Reden oder in seinem Lebensstil weist darauf hin, dass er Frauen aus den höheren Etagen von großen Unternehmen jagen will. Es ist vielleicht das Ziel vieler christlichen Fundamentalisten, Frauen zurück am Herd zu sehen, aber Trump ist kein Christ und er kommt aus Manhattan – er wird die Frauenbewegung nicht rückgängig machen.

Viel an seiner Politik wird sogar geradezu bejubelt werden. Er ist gegen TTIP – die meisten Deutschen auch. Er wird die EU wahrscheinlich nicht unterstützen – wenn sie zerfällt, und es sieht im Moment danach aus, wird er möglicherweise nichts dagegen tun. Das wird auch viele Deutsche freuen. Er will Europa zu Kasse für die NATO bitten – Europa will aber nicht zahlen, schon deswegen, weil die Sozialsysteme in Europa so teuer sind, dass man nicht beides finanzieren kann, ohne die Steuer zu hoch zu schrauben. Eher werden einige Europäer, vor allem in Deutschland, die NATO abschwächen. Auch das wird viele Deutsche freuen.

WAS WIRD PASSIEREN?

Ich halte andere Aspekte der nationalistischen Revolution für viel wichtiger als Trumps verwerflichen Charakter:

1. Der rechte Kongress.

Die Republikaner in beiden Häuser des Kongresses sind jetzt in der Macht und haben so gut wie keine Opposition. Trump hat keine politische Erfahrung und auch keinen politischen Willen – die Republikaner aber schon. Sie werden sofort rangehen, ihre Politik durchzusetzen, und sie werden Erfolg haben. Während die ganze Welt jeden Tag neue empörende Sprüche von Trump hört und sich maßlos darüber aufregt, wird leise und ungestört im Hintergrund der Kongress den gewaltigste Rechtsruck der amerikanischen Geschichte einrichten – und die Medien werden es zum größten Teil gar nicht merken, weil die ganze Aufmerksamkeit auf Trump gerichtet ist.

2. Das Ende der Politischen Korrektheit:

Gesellschaftlich wird sich einiges ändern. Die ganze scheinheilige, übertriebene politische Korrektheit der letzten Jahrzehnte wird umschlagen; die Alltagskultur wird gröber und dunkler werden, aber vielleicht auch ein wenig ehrlicher. Ich bin froh, dass mindestens die Homoehe schon eingeführt werden konnte, bevor der Rechtsruck kommt – das ist nicht mehr rückgängig zu machen. In Deutschland ist das allerdings nicht passiert – hier wird es dann auch keine Homoehe mehr geben. Meine Vorhersage: In vier Jahren wird es nur noch eine Handvoll Veganer auf der Welt geben.

3. Die Isolation der EU:

Die politischen Führer Europas hassen und verachten Trump und er weiß es. Sie haben es oft und laut gesagt. Er ist ein Mensch, der sich nicht gern beleidigen lässt. In Zukunft wird er in der westlichen Welt isoliert sein – allerdings bedeutet das auch, dass Europa isoliert sein wird. Europa und vor allem Deutschland braucht den amerikanischen Markt – das ist der größte und lukrativste Markt für den Weltvizeexportmeister – und Trump wird es vielleicht schaffen, höhere Tarife und Hürden für Europäer durchzusetzen. Dagegen werden die europäischen Politiker nicht viel ausrichten können – Trump wird keine große Lust verspüren, Europa entgegen zu kommen.

Trump hat auch signalisiert, dass er Putins Plänen nicht im Wege stehen wird. Das bedeutet, Putin wird an der Grenze zur EU freie Hand haben, und er wird auch in seinen Bemühungen, die EU auseinander zu treiben, mehr Erfolg haben. Was viele Deutsche heute nicht sehen wollen, wird bald klar werden: Putins Feind war nie die USA, es war immer die EU. Das wird die EU erst merken, nachdem Putin Erfolg hat. An alle meine ukrainischen Freunde: Get out while you still can.

4. Es wird endlich wird gute Popmusik geben.

Gute Popkultur lebt von politischem Widerstand: die Genies der 60er und 70er kamen aus der Zeit des Vietnamkrieges (es war mehr als ein Krieg – es war ein Krieg, in den bürgerliche Kinder geschickt werden konnten – deswegen war der Protest so stark) und des Kampfes gegen die Rassentrennung. Jazz entstand in der Weltwirtschaftskrise und Blues in der Sklaverei. Ich hoffe, wenn etwas Gutes aus der Trump-Epoche kommt, wird es ein Ende der Stagnation der Popkultur sein.

DIE HERAUSFORDERUNG

Ich persönlich bin über die nächsten vier Jahre gleichermaßen verängstigt und gespannt. Etwas Neues ist immer schlecht für diejenigen, die anderer Meinung sind, aber Konflikt kann auch heilsam sein. Man kann die Trump-Zeit als Steilvorlage für die eigene Dauerempörung sehen, oder als Herausforderung. An Herausforderung kann man wachsen.

Ich hoffe, wir sind alle dazu in der Lage, diese Herausforderung anzunehmen und zu beweisen, dass wir nicht nur jammern können, sondern auch etwas zu dieser Welt beizutragen haben.


(Dieser Text entstammt einem Vortrag vor den Länderchefs der Heinrich-Böll-Stiftung am 10. November 2016)

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